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14.02.2001
Vergessene Erinnerung
Die Tür öffnet sich - und schließt sich wieder. Es riecht ungewohnt, irgendwie alt. Junger Geist wird vom Alten überschwemmt. Es ist ein Kind zwischen Wissen, dass es nicht begreifen kann, ein leeres Blatt Papier in einer Bibliothek voller Romane.
Dann bekommt der Frieden Risse, die seine Schönheit, seine Ruhe nicht zerstören, sondern eher noch zu vertiefen scheinen.
Schreie verursacht durch die fürsorgende Hand, überhört von liebevollen Ohren. Schreien hilft nichts, genauso wenig, wie die Schreie hören. Es dauert nicht lange und man selbst spürt die Schmerzen nicht, wenn man aufpasst. Es klingt als würden kleine Kinder wimmern. Mehr Kraft haben ihre Stimmen nicht mehr.
Überhaupt haben sie viel mit kleinen Kindern gemein: Sie müssen gewaschen werden, sie hören selten und sind stur, man muss ihnen das Essen geben und ihnen alles fünf mal sagen. Wie kleine Kinder eben. Genauso hilf- und kraftlos, und manchmal denkt man willenlos, aber das ist selten. Genauso - und doch stehen sie am anderen Ende, sie sind das zweite Extrem, welches irgendwann für die meisten von uns zum Alltag wird.
Die Augen seltsam kühl und erloschen bei einigen, bei anderen wiederum helles Flammenmeer. Im alten Körper eine noch ältere Seele bei den einen und bei den anderen? Gefangene in einem Käfig, der langsam in Stücke fällt und den wachen Geist letztendlich unter seinen Trümmern begräbt. Altersschwäche, die kühle Diagnose.
Sie sitzen oft da und sagen kein Wort. Schauen mit leeren Blicken auf einen imaginären Punkt vor ihnen. Aber vor ihnen ist nichts mehr. Es scheint, als würden sie warten. Aber worauf? Auf das Ende, ihren Tod?
Manche sehnen und wünschen ihn sich herbei, andere wollen nichts davon hören. Aber es hilft nichts. Deswegen sind sie ja hier: Um auf ihren Tod zu warten. Sie werden hier bis zum Tode gepflegt. Es ist nicht leicht, das zu erkennen und zu akzeptieren. Dabei ist es doch nichts schlechtes, nur eine Wahrheit, welche die Arbeit erschwert, wenn man sie nicht annimmt. Während ich nur Höflichkeit heuchelte zu den Menschen, die nichts mehr haben auf dieser Welt als ein paar Besuche im Monat und die Erinnerungen, die schneller verblassen als die Fotos an der Wand, sah ich in den Augen der anderen wirkliche Freundschaft. Ob ich später auch solche Augen haben werde? Ich hoffe nicht! Ich hoffe, ich kann mir den Abstand bewahren, denn ich bin kein Freund von Selbstverstümmelung.
Tiefbeeindruckt von zwei Tagen - wie sollen erst elf Monate werden, und wie die Zeit danach? Und wie die Zeit nach meiner Zeit?
Eine Tür öffnet sich - und schließt sich wieder. Diesmal für immer in einem Augenblick der demütigen Erinnerung.
©Copyright by Ronny Hänsch