; 07.10.2001

Schnell

Schnell. Es ist schon spät. Und kalt. Obwohl die Sonne scheint. Ich renne fast. Es ist schon spät. Die Welt sehe ich nur aus den Augenwinkeln: Das Haus, die Ampel, die Laterne, den Mülleimer, den Bettler - es ist nicht wichtig. Ich muss mich beeilen, denn es ist schon spät. Später als den Tag davor. Es wird jeden Tag etwas später. Aber es wird nie zu spät sein. Denn das ist mein Leben.
Dort vorn die Straße. Ich kenne sie gut. So gut, wie man eben eine Straße kennen kann. Und danach die Fassade, hinter der meine Welt ist, mein Leben, mein Sein, meine Berechtigung zur Existenz. Alles, was mich definiert befindet sich hinter diesen Mauern. Wie jeden Tag frage ich mich, ob sie mein Leben vor der Welt beschützen, oder die Welt vor meinem Leben. Wie jeden Tag finde ich keine Antwort und vergesse die Frage mit dem Schritt durch die Tür.
Ich beginne zu fallen und genieße dieses Gefühl. Ich falle, falle minuten- , falle stundenlang. Später falle ich wieder aus der Tür heraus und beim Blick zurück stellt sich mir die Frage, die ich vor scheinbar wenigen Sekunden vergessen hatte. Die Sekunden müssen wohl ein Tag gewesen sein, denn Uhren lügen nicht.

Langsam. Es ist noch früh. Und heiß. Obwohl die Sonne nicht mehr scheint. Ich bleibe fast stehen. Es ist noch früh. Nachdem meine Welt hinter mir liegt und ich für heut gestorben bin, sehe ich die Welt mit neuen Augen: Die bunten Schaufenster mit Kinderspielzeug, die leuchtenden Kinderaugen davor, die Blumen vor dem Geschäft - den Preis daran ignoriere ich - die Sterne der Nacht und den Mond dazwischen irgendwo hinter dem Horizont aus Häuserschluchten - alles ist wichtig. Irgendwie.
Plötzlich bleibe ich stehen. Diesen Ort kenne ich! Natürlich, ich kenne jeden Meter dieses Weges, aber hier ist etwas anders. Es ist, als würde hier alles zusammenkommen, als wäre alles, was wichtig ist an diesen Ort. Dieses Gefühl der Anwesenheit fasziniert mich und ich versuche mir über die Gründe seiner Existenz klar zu werden.
"Er ist erfroren." sagt ein Schatten hinter mir. Ich drehe mich nicht um - ich weiß, dass er da ist. Und ich weiß, dass die Ursache des Andersseins nicht die Anwesenheit ist, sondern ihr Gegenteil. Ich schaue mich um, aber alles ist noch da: Das Haus, die Ampel, die Laterne, der Mülleimer. Ich weiß nicht was fehlt und das Denken langweilt mich.
Ich gehe weiter, etwas schneller als zuvor aus Angst der Schatten könnte auf mich fallen und mit ihm seine Wahrheit und mit ihr meine Schuld.
Ich gehe weiter und weiter. Sehe die Straße, sehe sie nicht wirklich. Sehe das Auto erst, als die Kälte des Metalls meinen Geist liebkost.

Zwei Tote. Beide gleich vergessen. Alles was sie hinterließen war Druckerschwärze auf Zeitungspapier an der Stelle der Todesfälle. Das ist schon viel. Das ist ihr Leben. Alles andere war ihre Existenz. Sie sind nicht wichtig, denn sie sind und waren zwei Tote in einer Stadt, in der niemand lebt.

©Copyright by Ronny Hänsch