; 16.06.2001

Ich hasse Dich!

Grauer Regentag. Mädchen mit rotem Sommerkleid. Ihr ist kalt. Ihr muss kalt sein. Mir ist kalt. Dafür aber kann das Wetter nichts.
Ich denke an sie. Die Erinnerung an Wärme hilft nicht. Nun ist mir noch kälter.
Der Wind spielt mit einer alten Zeitung. Ich entreiße ihm sein Spielzeug. Ich weiß nicht warum. Sie ist schmutzig und alt. Dennoch kann man die Buchstaben immer noch als leserliche graue Flecken erkennen. Ich lehne mich an eine kalte Wand und beginne zu lesen, um mich abzulenken und um die Kälte zu vergessen.
„Hass und Liebe“, welch großartige Überschrift. Ich überlege, ob ich nicht einfach weitergehen sollte. Ich bleibe, wo ich bin, nach einem Augenblick der Unsicherheit und zwei Blicken auf die Uhr. Es ist noch Zeit.
„Alle sprechen darüber, was Liebe sei. Ob und wenn ja wie man sie definieren müsste. Ob es sie überhaupt geben kann oder sie nur menschliche Sentimentalität darstellt. Noch nie aber habe ich davon gehört, dass sich jemand darüber Gedanken gemacht hat, was Hass ist.
Dabei sind diese beiden Gefühle doch eng miteinander verbunden. Sie sind mehr als zwei Gegensätze. Sie sind ähnlich wie Tag und Nacht, Leben und Tod, Schatten und Licht. Man braucht das eine um das andre erfahren zu können. Denn kann es denn einen Tag geben ohne Nacht, oder das Leben ohne Tod oder Schatten ohne Licht?
So stellt sich auch die Frage, kann Liebe ohne Hass sein bzw. Hass ohne Liebe? Schließlich ist es durchaus möglich aus Liebe zu hassen oder aber auch aus Hass zu lieben.
Ist der Hass wirklich nur die Abwesenheit von Liebe, so wie Schatten nur die Abwesenheit von Licht ist? Oder ist Liebe vielmehr die Abwesenheit von Hass? Ist es denn überhaupt möglich das eine durch das andere zu definieren? Ist es überhaupt möglich eine Unterscheidung zu treffen?
Sicher, die Unterschiede liegen auf der Hand, stehen schon seit Jahrtausenden geschrieben: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie duldet alles.“ Das sei Liebe, so sagt man. Aber kann es nicht auch Hass sein? Erfüllt nicht auch der Hass all diese Bedingungen, wenn auch auf seine eigene grausame Weise?
Hass kann, wie auch die Liebe, blind machen, aber was ist, wenn dies nicht geschieht? Wenn der Mensch, der hasst, trotz allem ehrlich, freundlich und fair bleibt?
Was ist Hass? Sucht Hass denn wirklich immer den Schmerz des anderen?
Kann es denn nicht sein, dass Hass und Liebe nicht zu unterscheiden sind, weil sie eins sind und man die Unterschiede nur erkennt, weil man dieses Gefühl von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachtet?
Man kann am Hass wachsen und an der Liebe vergehen, die Liebe kann einen halten, wenn man fällt, aber dazu ist auch der Hass in der Lage. Manchmal sogar besser noch als die Liebe, weil er einen Schuldigen liefert.
Und dennoch wird nur die Liebe über alles geschätzt. Der Hass wird verachtet, obwohl es sehr viel einfacher ist sich den Hass einzureden als glaubhaft Liebe zu heucheln.
Wie bei so vielen Dingen scheint der Mensch die Unterschiede selbst zu erschaffen. Ohne seine Wertung wäre Hass und Liebe eins und es gäbe keinen Hass mehr. Vielleicht aber gäbe es dann auch keine Liebe mehr. Und deswegen ist es gut, dass es den Hass gibt, denn er sichert der Liebe ihr Dasein. „Die Liebe hört niemals auf“, wenn auch der Hass ewig wärt.“
Meine Augen haften an den Worten. Ein Regentropfen fällt auf sie. Ich schaue nach oben, alles verschwimmt, aber es regnet nicht. Ein letzter Blick auf den Artikel. Wer ihn schrieb ist nicht mehr zu erkennen, ist unwichtig geworden mit der Zeit.
‚So ein Unsinn!’, sagt eine Stimme. Ich brauche eine Weile bis ich begreife, dass ich es selbst war. Wieder ein Blick auf die Uhr. Ich gebe dem Wind sein Spielzeug zurück. Er bedankt sich höflich.
Noch einmal ein Blick auf die Uhr. Nun wird es Zeit.
Ich gehe zurück in unsre Wohnung. Vor Jahren haben wir hier einmal zusammen gewohnt, nun leben wir nur noch nebeneinander vorbei.
‚Ich hasse sie.’, denk ich noch und setze eine abgetragene Maske aus alltäglicher Erschöpfung auf, die ein Lächeln simuliert. Sie begrüßt mich freundlich, trägt die gleiche Maske. Ihre Augen sind leer, genauso wie die im Spiegel. Wir küssen uns mechanisch. Meine Lippen sagen, dass ich sie liebe.
‚Ich hasse Dich.’, ist alles, was ich noch zu denken im Stande bin. Ich meine damit aber einen Fetzen Papier, den mir der Wind entgegen schleuderte und an dem ich mir die Hände schmutzig gemacht hatte. ‚Ich hasse Dich!’

©Copyright by Ronny Hänsch