; 12.06.2001

Der Letzte seiner Art

Frau mit Kind auf Pflasterrasen. Ein Blick in die Welt, Seltenheit entdeckt. „Schau mal Mami, ein Clown!“
Gelangweilte Suche, Gedanken zehn Schritte weiter vor. „Ja, lustig nicht wahr? Lass uns weitergehen.“
Trotz und Widerrede, Ausbruch aus dem Zügelzwang. „Nein, ich will zu dem Clown. Nur ganz kurz, ja?“
Erzieherischer Elternreflex. Worte scheitern später am Leben. „Wie heißt das?“
Erfahrung des leichten Weges des Nachgebens zur rechten Zeit. „Ich möchte zu dem Clown.“ Leichtes Zögern, wartender Mutterblick zwingt zum Nachdenken. „Bitte.“
Nun die Belohnung für die gute Tat. Moderne Erziehung heißt Nachgeben. „Na gut, aber wirklich nur kurz. Du weißt, dass wir noch viel zu erledigen haben.“
Die letzten Worte verhallen ungehört in der Freude dieses Augenblicks.
Aber irgendetwas ist falsch. Etwas fehlt, ist anders als im Kinderbuch. „Mami, der lacht ja gar nicht. Warum lacht er denn nicht Mami?“
Suche nach kindgerechten Worten. Keine Zeit selbst darüber nachzudenken. Diese Tatsache füllt die Leere der Frage mit der noch größeren Leere von Worten, die nichts sagen. „Ich weiß es nicht, vielleicht ist er traurig.“
Unmöglichkeit! Das Lehrbuch ist eindeutig in dieser Angelegenheit. „Aber Mami, er ist ein Clown, er kann nicht traurig sein!“
Leises Lächeln wird hinter der Maske mütterlichen Ernstnehmens versteckt für einen Augenblick. Dann ist es ganz verschwunden in dem reißenden Strom der grauen Masse: „Ja, vielleicht hast du Recht. Lass uns weiter gehen.“
Ein fragender Kinderblick. Ungläubigkeit legt sich über das Gesehene.
Eine Träne fällt auf Pflasterrasen. Es regnet. Da es unmöglich ist, dass ein Clown traurig sein könnte, kann er auch nicht weinen.
Frau mit Kind auf Pflasterrasen sind dem Blick entschwunden, Integration in graue Massen. Die Seltenheit verschwimmt im Regen, ermordet durch Vergessenheit.
Das ist Zeit.

©Copyright by Ronny Hänsch