; 06.04.2001

Der Zettel

Eine weiße Wand. Er schlug mit voller Kraft dagegen. Wieder und wieder und wieder. Fast hätte er aufgeschrieen vor Schmerz, aber eben nur fast.
Es war sinnlos zu schreien. Da niemand ihn hören würde, da niemand ihn hören durfte, hatte es keinen Sinn zu schreien. Unwichtig warum.
Er schlug noch einmal gegen die Wand. Der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen, aber es half. Die Einfachheit und Absolutheit dieses körperlichen Schmerzes half die seelischen Wunden zu vergessen. Er sank erschöpft zu Boden und lehnte sich gegen die weiße Wand. Sie war nun rot, doch das sah er nicht.
Warum? Warum hatte sie das getan?! Es gab keinen Grund sich so zu verhalten. Und doch tat sie es, unablässig, Tag für Tag. Warum nur? Sie musste doch spüren wie weh es ihm tat. Der Schmerz in seiner Hand pochte. Wenigstens zeigte er ihm, dass er noch lebte. Ein anderes Anzeichen dafür fiel ihm im Augenblick nicht ein.
Er befürchtete, dass wenn er nur genauer nachdachte er einen Grund finden würde. Warum, warum tat sie es nur?
Nach einigen Minuten stand er auf. Es hatte keinen Sinn darüber nachzudenken. Er würde hart werden, mit der Zeit, und sich einfach nicht mehr verletzen lassen.
Er schaute an den zerlaufenen roten Fleck an der Wand. Von niemanden würde er sich verletzen lassen. Nie wieder. Er würde für sich allein bleiben und alle anderen abwehren, wenn es nötig wäre, aber nie wieder würde er sich so offen zeigen.
Am nächsten Tag kam sie nicht. "Gut,", dachte er, "das verschafft mir ein wenig Zeit."
Am nächsten Tag erfuhr er dann, dass sie sich umgebracht hatte. Sie war aus dem Fenster ihrer Wohnung im siebenten Stock gesprungen. Er schaute erschrocken auf die weißen Binden seiner Hand.
Ein kleiner Zettel lag auf seinem Schreibtisch, neben Terminkalender und Computertastatur. In einer Schublade war ein Foto von ihr unter Akten.
Ein paar Buchstaben mit schwarzem Stift geschrieben. "Warum? Ich liebe dich doch"
Wieder hatte sie ihn verletzt. Und der Schmerz, das Foto und diese Worte waren alles, was ihm von ihr blieb.
Doch eigentlich war alles nur eines, war alles Schmerz.

©Copyright by Ronny Hänsch