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08.02.2002
Brauner kalter Kaffee
Straßencafe am Straßenrand. Brauner kalter Kaffee, rote verblasste Deckchen, grüne Plastikblumen. Der Anblick langweilt. Die Gedanken schweifen, die Augen mit ihnen. Schauen durch Glas. Reflektion des Inneren ins Äußere. Der Effekt lenkt ab für ein paar Sekunden. Die wissenschaftliche Erklärung beraubt ihn seiner Farbe, macht ihn seltsam grau. Gut erzogen, aufgeklärt und rational. Wie schön.
Draußen tobt das Leben. Das Leben? Was ist schon Leben?
Rollende Särge fahren auf den Straßen. Hasten von einem Parkplatz zum nächsten. Statussymbol und Gebrauchsspielzeug zur gleichen Zeit. Das ist technische Revolution.
Und am Rand das gleiche Treiben. Hast und Hektik, grau in grau, nur ohne Blechummantelung und Armaturenbrett. Dafür mit beständigen Blick auf die Uhr.
Friedenstauben fressen Dreck. Die Zeit des Fliegens ist vorbei. Ein leiser Schatten des vergangnen Fluges ist die Flucht vor Nichtigkeiten. Die Flügel gebrochen im Geiste - vielleicht ist das das Schlimmste: Was man einsperrt kann man befreien, doch Wiederbelebung ist unmöglich. Dafür sind die Gedanken schon zu lange tot.
Ein paar Kanonenkugeln rollen die Straße hinunter. Brüllen Hakenkreuze in die Welt. Sinnlose Rebellion gibt es genug. Doch die Revolution ist eine Totgeburt.
Eine Melodie bettelt um ein paar Münzen. ‚Das Äffchen fehlt.‘, denkt man. Doch heut spielt es selbst das Instrument. Graue Töne in der grauen Fußgängerzone. Das Wenige ist kein Erbarmen sondern reiner Reflex - die gute Tat, die keine ist. Wer hat dafür schon noch Zeit?!
Die Augen sehen sich plötzlich selbst. Das Hirn braucht eine Weile zum Begreifen: ‚Die Reflektion ist wieder da.‘, ist müde geworden: Mittagstief.
Angewidert wendet sich der Kopf. Sucht Ablenkung, Verdrängung des Gesehenen. Denn es war ein Teil des Ganzen.
Das Radio erzählt im Hintergrund von tausend Toten oder ein paar mehr. Wo ist da der Unterschied? Die Ohren hören es wie Werbung für Spülmittel: Man braucht es nicht, das alte ist doch gut genug.
Kaffee ist das Morphium der Neuzeit. Er wirkt wunderbar schon in der Mittagspause. Was bleibt sind ein paar verblasste Farben und das neutrale meinungslose Grau von leeren Kaffeetassen.
©Copyright by Ronny Hänsch