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12.01.2003
Vertrocknete Rosen
„Sieh nur Mammi, die schöne Blume dort!“
„Wo denn mein Schatz? Zeig sie mir.“
„Na dort, hinter dem Zaun im Schatten.“
„Die schwarze Rose da meinst du?“
„Ja, die schöne schwarze Blume. Schau nur, wie schön sie ist!“
„Ja, ich sehe sie. Mir gefällt sie nicht so gut.“
„Warum denn nicht?“
„Ich finde sie sieht sehr arrogant aus, meinst du nicht auch?“
„Ich weiß nicht. Was ist arrogant?“
„Nun, weißt du, manche Menschen sind wie diese Rose dort. Sie scheinen schön und prächtig, haben Eigenschaften, die sie von andren abheben. Und dessen sind sie sich auch voll bewusst. Und deswegen halten sie sich für etwas Besseres als die anderen Menschen.
Und heben wie eben diese Rose da überheblich ihr Köpfchen. Siehst du wie allein sie steht? Wie sie sich nur mit Gras umgibt? Denn würde sie mit den andren schönen Blumen zusammenstehen, würde sie nicht mehr so schön und einzigartig wirken. Lieber wächst sie in einer Ecke des Gartens, wo man sie zwar gut bewundern, aber ihr auch nicht zu nah kommen kann. Denn aus der Nähe würde man erkennen, dass auch sie nur eine Blume ist.“
Nachdenklich schaut das Kind die Rose an.
„Ich finde sie eigentlich einfach nur schön.“
„Ja, das ist sie ja auch. Lass uns jetzt weitergehen.“
„Mammi?“
„Ja, mein Schatz?“
„Wo ist die schöne Blume hin?“
„Welche Blume meinst du denn?“
„Na die, die wir vor ein paar Tagen hier gesehen haben. Die schwarze Blume, weißt du noch?“
„Ach ja, die Rose. Ich weiß nicht, steht sie nicht mehr dort hinten im Schatten?“
„Nein. Da sind nur noch ein paar vertrocknete Blätter.“
„Oh, dann ist sie wohl verdorrt. Lass uns jetzt weitergehen!“
Nachdenklich schaut das Kind zu der Stelle, an der vor ein paar Tagen noch die Rose blühte.
Dann geht es zusammen mit der Mutter weiter.
Nach ein paar Schritten bleibt es erschrocken stehen.
„Mammi?!“
„Ja?“
„Vielleicht war die Schönheit ein Hilferuf. Und wir haben ihn nur nicht verstanden.“
©Copyright by Ronny Hänsch