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09.06.2001
Überdosis
Es war so kalt. So kalt. Zitternd kauerte sie in einer Ecke. Es stank nach Urin und kalten Zigarettenrauch, aber das war ihr egal. Wenn es nur nicht so kalt und dunkel wäre. Alles verschwamm vor ihren Augen. Sie weinte. Zumindest glaubte sie zu weinen. Sicher war sie sich nicht. Was hatte sie nur getan?
Seit sie das erste Mal das Gefühl des Fliegens genossen hatte ist ungefähr ein Jahr vergangen. Ein Jahr! Ein Jahr, das die 15 Jahre davor zunichte gemacht hatte. Sie hatte doch nur nicht feige sein wollen. Alle nahmen es! Warum also nicht auch sie? Was war schon dabei? Aber es blieb nicht bei diesen einen Mal. Es wurden mehr, sehr viel mehr.
Vor ein paar Wochen reichte ihr Geld nicht mehr aus. Seit damals hatte sie sich mit ein paar Scheinen helfen können, die sie sich von Freunden geliehen oder heimlich aus dem Portmonee der Eltern genommen hatte. Das war jetzt aber nicht mehr möglich. Ihre Freunde wollten ihr nichts mehr geben und wenn sie noch mehr stehlen würde, würde es auffallen. Und sie wollte ihre Eltern nicht so enttäuschen. Aber sie brauchte es doch. Sie brauchte diese heile Welt. Natürlich war es nur Illusion, nur ein Traum, aber das war nicht wichtig. Es waren ein paar Minuten Glück!
Sie fühlte sich so schmutzig. Sie hatte sich ihm hingegeben, hatte mit sich selbst bezahlt. Es hatte so weh getan. Noch immer spürte sie denn Schmerz zwischen ihren Beinen. Aber er war nur äußerlich und würde vergehen. Viel schlimmer war der Schmerz ihrer Seele. Nie hatte sie so weit gehen wollen.
Warum hatten sie sie nicht gewarnt? Sie hasste ihre Eltern dafür. Eigentlich hasste sie sich selbst. Aber dieser Hass war zu groß, und brach aus ihrer Welt heraus und ergoss sich über die Menschen, die sie einmal geliebt zu haben glaubte und die sie liebten. Zumindest einmal geliebt hatten. Nun würden sie sie nicht mehr lieben, nun nicht mehr.
Sie brach erneut in Tränen aus. Tränen, Tränen, Tränen. Sie hoffte, sie würden den Schmutz in ihrer Seele wegwaschen. Aber sie änderten nichts. Langsam stand sie auf. Ihr wurde übel und sie übergab sich. Zu dem Geruch von Rauch und Urin mischte sich der etwas säuerliche von Halbverdautem. Es war egal. Langsam, fast schon ehrfürchtig wie bei einem heiligem Ritual, drehte sie sich um und setzte bedächtig einen Fuß vor den anderen. Die Erde begann ganz leicht zu zittern. Das Licht der Neonröhren über dem Bahnsteig der U-Bahn flackerte, tauchte alles abwechselnd in Dunkelheit und gleißendes Licht.
Sie bemerkte es nicht, für sie blieb alles dunkel. Dunkel und kalt. Das Beben des Bodens wurde stärker. Sie schaute nach links in den Tunnel. Er wurde langsam Licht. Es war nur schwach und fast noch zu weit entfernt um gesehen zu werden, aber es wurde schnell heller. Es dauerte nicht lange, für sie nur eine weitere einsame Ewigkeit, dann sah sie ihn.
Ein Schritt. Es war so einfach, nur ein Schritt nach vorn. Sie wollte es, sie wollte es in diesem Moment mehr als alles andere. Dann schlug ihr der Wind ins Gesicht und das Weinen der Bremsen mischte sich mit ihren Schreien. Vor ihr glänzte die metallische Wand des Zuges, neben sich glaubte sie Fenster zu erahnen. Es war zu spät, sie hatte zulange gezögert, sie war wie immer auch jetzt zu langsam gewesen.
Erschöpft sank sie auf die Knie und hörte wie sich die mechanischen Türen öffneten. Füße stiegen aus, betraten den Ort ihres Schmerzes, entweihten ihn. Sie sahen sie nicht. Oder wollten sie nicht sehen. Sie schützten ihre heile Welt mit der Ignoranz geschlossener Augen, sie mit Drogen. Wo war der da Unterschied? Welches Recht hatten sie über sie zu urteilen?
Dann wurde es dunkel. Das Licht erfror in ihrer Einsamkeit und in der Kälte, die sie umgab. Alles wurde still, die Einsamkeit dieses Moments schien fast greifbar zu sein. Als auch das letzte Schimmern des Lichtes erlosch war es vollkommen dunkel. Vollkommen dunkel, aber es war nicht mehr kalt. Und das war alles, was im Moment zählte, was wichtig war. Die Dunkelheit versteckte die Welt vor ihr und es war nicht mehr kalt. Es war einfach nur Leere, es war einfach nichts. Nur dunkel, leer und nicht mehr kalt.
Er dachte an seine Tochter. Sie war im gleichen Alter wie das Mädchen, welches er gerade untersucht hatte. Er war sich nicht sicher an was sie gestorben war. Die Menge an Drogen, die er in ihr gefunden hatte, hätte eigentlich nicht ausreichen dürfen um sie zu töten. Schließlich war sie den Konsum von Drogen gewöhnt. Mit Tränen in den Augen und zitternder Hand schrieb er die Todesursache, die ihm glaubwürdig erschien, in die dafür vorgesehene Zeile seines Berichtes: "Einsamkeit – Sie ist an der Welt gestorben". Er schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete stand an dieser Stelle nur noch ein Wort. Ein Wort, das zwar Lüge war, aber das alle lesen wollten. Sein Chef, die Polizei, die Eltern, die Freunde, er selbst. Alles andere hätte ihre Mitschuld offenbart. "Überdosis"
Was für ein kaltes Wort.
©Copyright by Ronny Hänsch