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18.04.2004
Stille
"Still flüsterte der Wind sein Lied über die Wipfel der Bäume. Die vögel sangen. Die Blätter der Bäume raschelten leise. Die Sonne scheinte und spielte mit den Schatten auf dem weichen Waldboden. Ich merkte nichts von alledem. Ich sah nicht die Bewegung der Baumkronen, ich spürte nicht die Sonne auf der Haut, ich hörte nicht das Singen der Vögel, ich roch nicht den lebendigen Geruch des Waldes. Nichts davon nahm ich wahr. Zumindest nicht in der Art und Weise, die die meisten Menschen unter Wahrnehmung verstehen. Eigentlich bemerkte ich alles um mich herum, nur hatte ich es vollkommen aus meinem Bewußtsein ausgeblendet. Ich wußte, ich würde die geringste Anomalie in dem natürlichen Geschehen bemerken. Im Moment aber konzentrierte ich mich mit allen meinen Sinnen auf etwas ganz bestimmtes. Sie würden bald kommen. Ich wußte es.
Ich saß schon seit einiger Zeit in dem Geäst dieses großen Baumes nahe des Weges. Lange hatte ich nichts gehört, nichts von ihnen gespürt. Aber nun glaubte ich das dumpfe Stampfen der Hufe auf dem weichen Waldboden zu hören, die Erschütterungen zu spüren. Und während ich noch darüber nachdachte, ob mir meine Sinne aufgrund der langen intensiven Konzentration einen Streich spielten, wurden die Geräusche deutlicher. Sie kamen. Noch 10 Minuten, vielleicht weniger, keinesfalls mehr.
Es würde schnell gehen. Es ging immer schnell. In Gedanken ließ ich nocheinmal alles vor mir ablaufen. Wie oft ich ein ähnliches Szenario bereits in meinen Gedanken hatte, kurz vor dem Kampf, wusste ich nicht mehr. Es mussten um die 70 gewesen sein. Und jedesmal starben 4 bis 10 Menschen. Jedesmal. Und auch heute würde es geschehen. Sie waren nun schon sehr nahe. An dem Getrappel der Hufe konnte ich sechs oder sieben Pferde erkennen. Sie würden in der Standardformation reiten. Zwei vor, zwei hinter der Kutsche. Der 7. Reiter vielleicht irgendwo an der Seite, oder etwas weiter vorn - das spielte keine Rolle. Sie würden alle sterben. Sie würden alle sehr schnell sterben, mindestens die Hälfte von ihnen noch bevor sie überhaupt etwas von der Gefahr ahnten in der sie sich befanden.
Die wenigen Menschen, die von meiner Existenz wußten nannten mich "Stille". Sie gaben mir diesen Namen, weil damals niemand mehr meinen wahren Namen kannte, manchmal nicht einmal mehr ich selbst. Und weil die Menschen allem einen Namen geben müssen. Dann erscheint es ihnen weniger bedrohlich. Sie wählten diese Bezeichnung, weil mein Angriff immer völlig geräuschlos war. Ich komme aus der Stille, und ich bringe die Stille. Die Stille des Todes. Die Menschen sagen, ich wäre der Beste von allen und niemand könnte gegen mich standhalten. Diese Dummköpfe! Sie haben keine Ahnung!
Es gibt keinen Besten. Denn niemand kann sich mit allen Menschen messen. Und wenn er es schafft lange genug zu überleben, um als der Beste beschimpft zu werden, so wird irgendwo im Dunklen ein Kind heranwachsen, das ihm entgegentreten und als Sieger hervorgehen kann. Ich war nicht der Beste. Und irgendwann würde für mich der Tag kommen, an dem ich einen Kampf nicht überleben werde. Dessen war ich mir bewußt.
Jetzt war es soweit. Ich konnte die Pferde nun ganz deutlich hören. Es waren sechs! Vier Reiter und zwei vor die Kutsche gespannt. Standardformation. Ich machte mich bereit. Zog das Schwert, nahm es in die rechte Hand. In die linke zwei Shuriken. Ich sah ihren Schatten unter mir auf dem Weg. Sie ritten nicht besonders schnell. Das machte es einfacher. Die ersten beiden Reiter waren nun genau unter mir, wenig später die Kutsche. 'Nun beginnt es!', dachte ich bei mir und lies mich lautlos fallen.
Noch während ich mich auf das Vorderteil der Kutsche zu bewegte, warf ich die Shuriken. Ich hörte das gurkelnde Geräusch als sie in den Hals der beiden hinteren Reiter eindrangen und die Hauptschlagader durchtrennten. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, wie sie tot aus dem Sattel kippten. Der kutscher hatte mich wohl als Schatten am Rande seines Gesichtsfeldes wahrgenommen und wandte den Kopf zu mir. Kurz darauf viel sein Schädel noch mit dem Schrecken der Erkenntnis in den Augen auf den Waldboden. Ich drehte mein blutgetränktes Schwert durch rasches Umgreifen am Griff und rammte es dem anderen Mann auf dem Kutschbock ins Herz.
Die beiden vorderen Reiter hatten das Geschehen hinter ihnen zwar bemerkt, aber es ging alles so schnell, dass ihnen nicht viel Zeit blieb ihre Waffen zu ziehen. Ein drittes Mal flog einer meiner Wurfsterne durch die Luft, vergrub sich im Hals des linken Mannes und riß ihm vom Pferd, während ich mit einem gewaltigen Satz von der fahrenden Kutsche auf den anderen Reiter zusprang, um ihn mit einen Hieb meines Schwertes zu töten. Er hatte inzwischen sein Schwert gezogen und parrierte den Angriff. Allerdings riß ihn die Wucht des Aufpralles der beiden Schwerter vom Pferd. Er stürzte schwer zu Boden und geriet unter die Räder der Kutsche, die noch immer hinter uns war. Ich griff nach den Zügeln seines Pferdes und wendete es. Die kutsche raste an mir vorbei, gezogen von den in Panik geratenen Pferden. Sie würden stur weiter dem Weg folgen und die Insassen würden sich das Genick brechen, sollten sie versuchen zu entkommen. Ich würde sie in wenigen Augenblicken wieder einholen. Ich ritt ein paar Meter zurück zu den beiden Männern, welche vom Pferd gestürzt waren und nun schwerverletzt am Boden lagen, und tötete jeden von ihnen mit einem Schwerthieb, der ihren Kopf spaltete.
Danach machte ich mich daran die Kutsche einzuholen. Es dauerte nicht lange und ich war genau hinter ihr. Ich richtete mich auf, stellte mich auf den Sattel und war mit einem kurzen Sprung auf dem Dach der Kutsche und mit einer schnellen Schulterrolle auf dem Kutschbock, wo ich nach den Zügeln griff und die Kutsche anhielt.
Als ich herunterstieg und mich vor die Tür stellte hörte ich aus ihrem Innern das Wimmern einer Frauenstimme. Ich rief den Namen, den man mir genannt hatte und forderte ihn auf herauszukommen. Ich hasste es! Ich mochte es nicht besonders das Töten unnötig hinauszuzögern. Aber es war Teil dieses Auftrages. Zielperson war ein Staatsmann. Aus welchen Grund er getötet werden sollte wußte ich nicht, und es spielte auch keine Rolle. Mein Auftraggeber wollte nur, dass er den Namen des Mannes erfährt, der für die Auslöschung seiner Familie verantwortlich ist. Ich rief seinen Namen noch einmal. Nun rief eine Männerstimme aus dem Innern der Kutsche ängstlich zurück, dass er tun würde was ich sage, ich nur seine Familie in Ruhe lassen sollte. Ich wiederholte meine Aufforderung und nach wenigen Momenten öffnete sich langsam die Tür der Kutsche und ein kleiner untersetzter Mann stieg heraus.
Der Anzug, den er trug schien teuer gewesen zu sein, war allerdings etwas zu klein für seine Statur. Er fragte mich was ich wolle, und versuchte Stärke und Entschlossenheit in seine Stimme zu legen, was ihm aber nicht besonders gut gelang. Sein Gesichtsausdruck zeigte, dass er das anscheinend selbst bemerkte und in seinen Augen sah ich Todesangst.
Er wiederholte seine Frage, was ich denn wolle, ob Geld oder Schmuck oder die Pferde und sagte, dass ich alles haben könne, wenn ich nur seine Familie verschone. Ich sagte ihm, dass mir sein Geld nichts wert sei. Dann nannte ich den Namen meines Auftraggebers und der Mann sackte förmlich in sich zusammen. Wahrscheinlich hatte er erst jetzt begriffen, dass dies kein gewöhnlicher Überfall war, dem er durch Kooperation und Gefügsamkeit vielleicht noch entrinnen könnte, sondern ein Attentat.
Er sah sich angstvoll um, als suche er weitere Angreifer. Ich war es gewohnt, dass meine Opfer es nicht glauben konnten, dass ein einzelner Mann ihre gesamte Leibwache ausgeschalten hat.
Er hatte begriffen, das sah ich in seinen Augen. Er wußte, dass ich ihn nicht am Leben lassen würde, egal was für Reichtümer er mir bot. Er wußte, dass er sterben würde. Und er wußte, wer mein Auftraggeber war. Ich sah es in seinen Augen. Er hatte sich selbst aufgegeben und wartete nun auf den Tod. Er sank langsam zu Boden, als ich noch einmal ein kurzes Aufflackern von Leben in seinen Augen bemerkte. Mit beinahe schon ruhiger Stimme sagte er, dass er wüßte, dass er sterben würde, aber dass er mir viermal soviel bezahlen könnte, wie mein Auftraggeber, wenn ich nur seine Familie am Leben ließe.
Ich schaute ihn noch für einen kurzen Moment an. Ich hörte, wie sich ein Blutstropfen von meinem Schwert löste und auf dem Boden aufschlug. Ich roch die Angst meines Gegenübers, sah wie sein Herz pulsierte. Ich wusste, wie er mein Zögern verstehen würde und wartete bis ich die Hoffnung in seinen Augen aufleuchten sah. Dann köpfte ich ihn mit meinem Schwert in einer so schnellen Bewegung, dass er sie wahrscheinlich nicht einmal mehr wahrgenommen hat. Er starb mit der Hoffnung, dass seine Familie überleben würde. Es war nicht viel, aber alles, was ich für ihn tun konnte als Anerkennung, dass er trotz der Ausweglosigkeit seiner eigenen Situation versucht hatte auf seine Weise seine Lieben zu schützen.
Mein Auftrag war nun fast erledigt. Langsam ging ich um die Leiche herum auf die Kutsche zu. Ich hörte, wie sich in ihr etwas bewegte und spannte meine Muskeln an. Man durfte die Kräfte, die die Todesangst in scheinbar schwachen Gegner hervorrief, nicht unterschätzen! Als ich kurz davor war mit gezücktem Schwert in der Linken die Kutsche zu betreten sprang mir eine schlanke Frau entgegen. Ich sah das Messer in ihrer Hand aufblitzen, griff mit der rechten Hand danach, und verdrehte ihr mit einer schnellen Drehung meines Körpers den Arm, warf sie ihren eigenen Schwung ausnutzend zu Boden, rammte ihr in der gleichen Bewegung etwa in Hufthöhe ihr Messer in den Rücken und brach ihr durch einem Schlag mit dem Griff meines Schwertes das Genick.
Das alles dauerte keine fünf Sekunden und sie starb schnell und schmerzlos. Darüber war ich froh. Ich hatte kein Intresse daran ihnen noch mehr Schmerz zuzufügen!
Ich schaute sie noch einen Moment an. Sie war sehr schön. Selbst jetzt noch im Moment des Todes konnte man erkennen, dass sie einmal eine sehr starke Frau gewesen sein musste, voller Lebenslust und Freude. Wieder ein Leben ausgelöscht. Vor ihr hatte ich sieben Männer ausgelöscht. Darunter ihren eigenen, und von den anderen hatte sie wahrscheinlich gedacht, das kein Kämpfer es mit sechs von ihnen aufnehmen könnte. Und dennoch starben sie alle durch meine Hand. Dessen muss sie sich bewußt gewesen sein und trotzdem stürtzte sie sich mit diesem lächerlichen Messer auf mich, welches mich nicht einmal aufgehalten hätte, wäre sie damit erfolgreich gewesen. Ihr Anblick machte mich müde. Vor ihr hatte ich schon unzählbar viele Leben ausgelöscht. Ich hatte nicht nur Männer getötet, sondern oft auch ihre gesamte Familie umgebracht, wenn dies mein Auftrag war. Ihre Kinder, ihre Frauen, ihr Brüder, ihre Väter und Mütter. Nie hatte es für mich eine Rolle gespielt! Es waren auch Menschen wie sie unter ihnen gewesen. Voller Lebenslust und Begeisterung. Doch diesmal berührte mich der Anblick dieses zerstörten Lebens. Und ich war dafür verantwortlich. Ich war es leid. In diesem Moment war ich alles so leid. Und dennoch betrat ich die Kutsche um zu sehen ob mein Auftrag bereits zu Ende war oder ob sich mehr als diese beiden in ihr befunden hatten.
Und dann war da dieses Kind. Ein junge. Vielleicht 5 oder 6 Jahre alt. Er hatte pechschwarze Haare und Augen so tief wie das schwärzeste Dunkel meiner Seele. Und er schaute mich einfach nur an. Er sagte nichts, kein Wort, obwohl er angesichts seines Alters zweifellos dazu in der Lage gewesen wäre. Aber er wimmerte nicht einmal, geschweige denn, dass er weinte, wie ich es von einem Kind in dieser situation erwartet hätte. Er schaute mich einfach nur an. Aber es war keine Angst in seinen Augen! Keine Angst, kein Hass, kein Schmerz. Nichts! Er saß ruhig da und schaute mir in die Augen. Und ich hatte das Gefühl, als würde er in mich hineinsehen, als würde er alles erkennen, alle meine Schwächen, meine Ängste.
Ich hob mein Schwert und holte zum Schlag aus. Ich konnte seinen Blick nicht mehr ertragen, wollte das er aufhörte. Ich fühlte mich schwach und meine Hand begann zu zittern. Ich spannte meine Muskeln, schloß die Augen und schlug zu. Wie lange ich so dagestanden habe weiß ich nicht mehr. Vielleicht war es nur ein kurzer Augenblick, vielleicht auch mehrere Minuten. Ich weiß nur, als ich die Augen wieder öffnete saß der Junge genauso regungslos da wie zuvor und schaute mich mit seinen schwarzen Augen an. Ich starrte auf die blutbefleckte Klinge meines Schwertes, welche kurz vor seinem Hals angehalten hatte, ohne ihn auch nur zu berühren und die nun leicht zu Zittern begann.
Ich konnte diesen Jungen nicht töten. Ich konnte es nicht, und ich wollte es auch nicht. Ich wollte nie mehr töten! In diesem Moment entschied ich mich mein restliches Leben dem Schutz von menschen zu widmen, um so einen kleinen Teil der Schuld abzutragen.
Das ist nun genau 10 Jahre her. Seit damals habe ich nie wieder für Geld getötet. Selbst die Angreifer, welche ich während meiner Tätigkeit als Leibwächter überwältigt habe, tötete ich nicht, sondern verletzte sie nur so schwer, dass es ihnen nicht mehr möglich war weiterzukämpfen und sie in Gewahrsam genommen werden konnten.
Seit damals habe ich nie wieder getötet."
Langsam blicke ich vom Feuer hoch und schaue dich an. Doch so wie damals blickst du wieder einfach nur zurück. Mit der gleichen Ruhe in deinen Augen wie der kleine Junge der du damals warst.
"Verstehst du?", frage ich. "Ja,", antwortest du sanft, "ich verstehe.". Ich nicke nachdenklich und stehe langsam auf. Vorsichtig gehe ich auf dich zu und ziehe mein Schwert. Du reagierst nicht. Ich kniee mich vor dir nieder und reiche dir das Schwert. Du schaust mich fragend an. "Ich habe dich in den vergangenen Jahren alles gelehrt, was ich weiß. Du bist nun alt genug um selbst entscheiden zu können welchen Weg du gehst. Was ich dich lehrte kannst du sowohl für die eine, als auch für die andere Sache nutzen. Entscheidest du dich jedoch für den Weg des Todes, so bitte ich dich, dass ich der Erste bin dessen Leben du nimmst!".
Du bewegst dich nicht. Schaust mich mit der gleichen Ruhe an, welche mich in den letzten jahren immer wieder in meiner Entscheidung bestätigt hatte. "Wieviele Leben hast du in den letzten zehn Jahren gerettet?" fragst du leise. "47... ich erinnere mich an jeden einzelnen.", erwidere ich. Du schüttelst sanft mit dem Kopf, "Das ist nicht genug. Deine Schuld ist noch nicht einmal zur Hälfte bezahlt, wie könnte ich dein Leben nehmen ohne diese Schuld auf mich zu laden?". Überrascht schaue ich dich an. Du fährst ruhig fort: "Du wirst noch lange weiterleben um Leben zu schützen und so deine Schuld zu verringern, auch wenn du sie nie begleichen kannst. Und ich werde an deiner Seite sein und an deiner Seite kämpfen. Deine Sache, soll von nun an wirklich unsere Sache sein!".
"Danke!", murmle ich, "Aber denke immer daran: Egal welche Titel du ihm verleihst, welche schönen und ehrfurchtsvollen Worte du dafür benutzt, die Kunst des Schwertes ist immer auch die Kunst des Tötens! Dessen musst du dir immer bewußt sein, auch wenn du es nie mehr für das Töten benutzen willst."
Du nickst, "Ja, ich habe verstanden... Vater!".
©Copyright by Ronny Hänsch