; 16.10.2004

Pfefferkuchen in der S-Bahn

Rot, Gelb, Weiß, manchmal Grün, selten auch Lila oder Blau... Die Lichter der Stadt gleiten draußen dahin. Nichts ahnend, dass er hier in der S-Bahn sitzt und sie ansieht.
Es spielt ohnehin kaum eine Rolle. Ob er sie nun sieht oder nicht, macht für sie keinen Unterschied. Höchstens für ihn! Für einen beschäftigten Großstädter mit einem rastlosen Leben ist die einzigste Möglichkeit die Wahrheit zu sehen meist ein Blick aus dem Fenster einer S-Bahn in der Nacht. Trotz - eigentlich wegen - der Dunkelheit hinter der Scheibe erkennt man, wenn man genau hinsieht, oft mehr als es am Tage möglich ist.
Vielleicht aber, dachte er sich, fiel nur ihm das auf, weil er sich weder als echten Großstädter sah, noch war er stark beschäftigt oder sein Leben rastlos.
Und doch wandte er nach einigen Momenten seinen Blick ab. Er mochte das Dunkel, weil es ihm anders als der Tag die Wahrheit zeigte. Aber es gab Momente, da wollte er die Wahrheit nicht wissen, nicht hören, wollte er - wie so viele andere auch - in einer Illusion versinken. Die Nacht aber interessierte das wenig und so offenbarte sie ihm konsequent und unablässig jede Heuchelei und jede Lüge, die das Licht des Tages errichtet hatte.
Er nahm sich einen der Pfefferkuchen aus der Verpackung, die er sich gerade am Automaten am Bahnhof gekauft hatte. Der intensive Geschmack schaffte es ihn jedesmal ein wenig abzulenken und wenn er sich darauf konzentrierte schaffte es das Süße sogar alle anderen Reize zu übertönen. Er schluckte den Pfefferkuchen hinunter und schloß für einen Moment die Augen.

Etwa zwei Meter von ihm entfernt richtete ein etwa 12jähriger Junge eine Waffe auf seine Mutter. Ohne zu zögern drückte er den Abzug zweimal. Der Körper seiner Mutter explodierte regelrecht. Dann schaute der Junge ihn an, und er erkannte in seinen Augen eine Leere, die ihm deutlich machte, dass es nicht der erste Mord für den Soldaten war.

Entsetzt öffnete er wieder die Augen. Sein Herz raste und ihm war übel. Er starrte vor sich hin und konzentrierte sich darauf nicht laut loszuschreien. Nach einigen Augenblicken hatte er sich wieder unter Kontrolle.
Der Zug hielt an der nächsten Haltestelle. Er schaute hinaus auf den Bahnsteig. Ein Mann kam vorbei und schaute verächtlich auf jemanden, der 2 Reihen vor ihm saß. Es war eine junge Frau. Sie hatte langes, aber hochgestecktes schwarzes Haar und sehr dunkle Haut. Der Mann auf dem Bahnsteig - normal gekleidet - bemerkte seinen Blick und nickte ihm freundlich zu. Er schaute verwundert zurück.
Als sich die Türen schlossen und der Zug weiterfuhr aß er einen weiteren Pfefferkuchen. Wieder schaffte es die extreme Süße für einen winzigen Moment alles andere auszuschalten und wieder schloß er kurz die Augen um diesen Augenblick zu genießen.

Er sah seine Kollegen mit aufgerissenen Augen an. Sie arbeiteten alle für die gleiche Hilfsorganisation, aber keinen von ihnen kannte er länger als 14 Tage, einige hatte er an diesem Tag zum ersten Mal kennengelernt. Alle standen sie bewegungslos da, unfähig in irgendeiner anderen Art und Weise zu reagieren als in diesem Raum des Kinderheims still dazustehen, mit starren Blick auf dieses Bild des Schreckens.
Die Fenster waren mit Brettern vernagelt, das Licht des Tages fiel nur durch wenige schmale Schlitze in den Raum, und jetzt auch durch die geöffnete Tür. Der Gestank war bestialisch und machte bereits das Atmen zur Qual. Im fahlen Licht das in den Raum fiel konnte er sieben Kinder in dem kleinen Raum erkennen. Ihr Alter war schwer zu schätzen, aber keines schien älter als 12 Jahre zu sein. Ihre Körper waren so sehr abgemagert, dass man jeden einzelnen Knochen sehen konnte. Viele saßen in ihrem eigenen Kot und wiegten sich apathisch vor und zurück. Eines schlug immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand.

Er riss die Augen auf und schaute direkt in die Lampen der Bahn um sich dieses Bild von der Netzhaut zu brennen. Wieder raste sein Puls, wieder war ihm schlecht. Er atmete ein paar Mal tief durch, und konnte so wenigstens die Übelkeit etwas unter Kontrolle bekommen. Verwirrt schaute er auf die Packung Pfefferkuchen. Zweifelnd schüttelte er mit dem Kopf, verschloss die Packung und stellte sie neben sich auf den Sitz.
Als die Bahn hielt schaute er nach draußen. Die Bahn hatte bereits die nächste Station erreicht. Die Frau, welche vorhin die verächtlichen Blicke des Mannes auf sich gezogen hatte, stieg hier aus. Ihm viel nichts auf, was diese Verachtung gerechtfertigt hätte. Nun war er allein in diesem Abteil. Als sich die Türen schlossen lehnte er sich zurück, wollte die Augen schließen, besann sich aber im letzten Moment eines Besseren und schaute nach draußen, auf die roten, gelben und weißen, selten auch mal lila und blauen Lichter.

Der Mann trug völlig verdreckte Kleidung und fror sichtlich. Er saß zusammengekauert auf einer Bank und stütze sein Gesicht in die zerschundenen Hände. Einige andere Menschen gingen an ihm vorbei ohne ihn auch nur anzusehen. Für sie war er einfach nicht vorhanden. Sie ignorierten ihn, denn für Menschen wie er es war, war kein Platz in ihrer Welt.

Er war aufgestanden und zur Tür gegangen, welche sich nun nachdem die Bahn gehalten hatte öffnete. Langsam trat er auf den Bahnsteig hinaus und schaute sich um. Er schaute an den Häusern jenseits des Bahnhofes vorbei in die Dunkelheit und ging ein paar Meter zurück in die Richtung aus der er gerade mit dem Zug gekommen war. An dem Mülleimer hielt er kurz inne. Nach einem Moment des Überlegens warf er die Tüte mit den Pfefferkuchen hinein. Anschließend ging er weiter bis er ihn erreicht hatte. Der Mann hatte bemerkt ihn bemerkt und schaute nun auf. Er lächelte ihn an, gab ihm einen 10 Euroschein - alles was er bei sich hatte - wünschte dem Obdachlosen noch einen schönen Abend und drehte sich um und ging.
Er war immer noch traurig, und fühlte sich kein Stück besser.
Die Wahrheit schmerzte, und manchmal konnte er die Menschen verstehen die den Tag mit seinen Illusionen des Lichts der Nacht mit ihren Wahrheiten vorzogen.

©Copyright by Ronny Hänsch