; 20.05.1999

Mutter liebte doch Blumen!

Ein alter Mann, ich weiß nicht mehr wie sein Name war, erzählte mir einmal eine Geschichte. Und er versicherte mir, dass diese Geschichte wahr sei und sich schon mehr als einmal zugetragen hätte, ähnlich wie der eisige Winter, welcher den Unwissenden Freude bringt und anderen den Tod. Es ist schon eine Weile her, doch ich erinnere mich an jedes Wort, an jede Geste, an jedes feuchte Schimmern in seinen Augen und noch nichts hatte mich so tief in meinem Inneren erschüttert, wie diese Geschichte. Sie war nicht sehr lang, auch nicht sehr kunstvoll mit Wörtern beschmückt. Andere, die sie hörten, hatten sich darüber lustig gemacht und wahrscheinlich nur fünf Minuten zum Vergessen benötigt. Doch bei mir hat sie sich zu tief in die Seele gegraben, als dass ich mich nicht mehr an sie erinnern könnte. Ich werde sie sicher nicht so ergreifend wiedergeben können, wie der alte Mann es damals, zumindest in meinen Augen, getan hat. Und ich bin mir sicher, auch diesmal werden solche dabei sein, die versuchen werden meine Erzählung als eine einfache Geschichte abzutun. Doch das ist sie nicht. Ich wünschte es wäre so, doch sie ist eine reale Beschreibung eines Moments im noch kurzem Leben eines Kindes, die ähnlich wie eine vergilbte Fotografie, schon lang in der Geschichte steht und doch nur selten erzählt wurde. Warum? Nun, urteile selbst...

Sie beginnt so, wie viele Märchen beginnen. Obwohl sie sich schon mehr als einmal in unserer Wirklichkeit zugetragen hat: Es war einmal . . .

Es war einmal ein Tag. Im Sommer. Im Juni. Ein sonniger Tag.
Die laue Luft, umschloss das kleine Mädchen, wie ein heller Umhang aus Licht und Wärme. Es regte sich kaum ein Lüftchen und doch war die Hitze nicht so unerträglich, wie unten im Dorf. Das lag sicher daran, das sie an dem kleinen See saß, der sich nun wie ein riesiger blau-glitzernder Spiegel vor ihr ausbreitete. Das kühle Wasser umspielte ihre kleinen Füßchen, die noch nicht viele Schritte gegangen waren. Mit ihren Ohren, die noch nicht viele Geräusche vernommen hatten, hörte sie die kleinen Vögelchen singen und das Rascheln der Blätter, das fast unmerklich mit dem sanften Rauschen des Wassers zusammenlief, wie das Grün und Blau auf einer Tuschpalette. Mit ihren Augen, die noch nicht viel erblickt hatten, sah sie die kleinen Wellen des Wassers, die Vögel, die nach kleinen Käfern jagten und die Bäume, die sich ganz sacht hin und her wiegten. Ihre kleinen Finger, die noch nicht viel ertastet hatten, banden bunte Sommerblumen zu einen Strauß für Mutter. Mutter liebte Blumen.
Sie fühlte das Holz, auf dem sie saß und erinnerte sich, wie Vater diesen kleinen Steg für sie gebaut hatte, damit sie besser zum Wasser kam, denn die Uferböschung war sehr dicht. Vater liebte das Handwerken.
Sie war oft hier, denn sie liebte den See, mit seinem blauen klaren Wasser, seinen großen grünen Bäumen, seinen schönsingenden Vögeln und seinen lebendigen Fischen. Neben ihr lag das kleine Boot, das Vater ihrem Bruder gebaut hatte, so dass er oft auf den See hinaus fahren konnte, um zu fischen. Ihr Bruder liebte das Fischen.
Nun zog doch ein leichter Wind auf. Aber das war nicht schlimm, denn erstens war es immer noch angenehm warm und zweitens liebte sie den See.
In der Ferne hörte sie ein leises Grollen. Überrascht sah sie nach oben, doch der Himmel war so strahlendblau wie schon den ganzen Tag und wurde von keiner einzigen Wolke beschmutzt. Sie musste sich geirrt haben.
Den Blumenstrauß für Mutter hatte sie nun fertig. Sie hielt ihn ein Stück von sich weg, um ihr Werk mustern zu können. Bewundernd und zufrieden mit ihrer Arbeit nickte sie mit dem Kopf. Mutter würde sich sehr darüber freuen. Mutter liebte Blumen.
Vorsichtig legte sie ihn neben sich auf den Steg, den Vater gebaut hatte und stand auf um sich ihr hellblaues Sommerkleid auszuziehen. Sorgfältig faltete sie es zusammen und platzierte es ebenfalls auf das Holz. Jetzt zog sie sich auch den Rest ihrer Wäsche aus. Als sie völlig nackt war, sprang sie in das kühle Wasser des Sees, den sie so liebte. Sie konnte gut schwimmen, denn sie war oft am See und es machte ihr Spaß sich langsam durch das Wasser zu bewegen und die Wellen zu beobachten, die sie vor sich herschob.
Plötzlich sprang das Wasser auf der anderen Seite des Sees meterhoch in die Höhe, als ob jemand einen riesigen Stein hinein geworfen hätte, doch nur, um Sekunden danach noch einmal und noch tausendmal heftiger zerfetzt zu werden. Erschrocken und verängstigt schwamm sie zurück zum Steg, wo ihre Kleider lagen. Sie schwamm so schnell, wie sie konnte und doch schien es so, als ob sie kaum von der Stelle kam. Sie war keine sehr gute Schwimmerin, obwohl sie oft hier am See war. Einige Meter hinter ihr zerriss eine gewaltige Explosion das Wasser und sie wurde von einer großen Welle erfasst und gegen den Steg geschleudert. Halb benommen und halb ohnmächtig von dem Druck der Explosion und von den Schmerzen kletterte sie auf den Steg und hörte Detonationen, die etwas weiter entfernt zu sein schienen. Es waren viele. Sie riss schnell die Kleider an sich und nahm den Blumenstrauß hastig in die Hand.
Dann sah sie sie. Das kleine Mädchen glaubte erst, es seien Flugzeuge. Doch sie sahen anders aus als alle Flugzeuge, die sie bisher gesehen hatte. Und diese da waren viel zu groß und viel zu schnell und viel zu leise. Sie hörte nur die Explosionen, die nun schon weiter entfernt waren. Erst Minuten später, als sie die Wucht der Detonationen schon fast nicht mehr wahrnahm, erfasste sie die akustische Welle der großen Stahladler. Sie starrte noch lange dorthin, wo die großen Flugzeuge den Himmel geteilt hatten.
Dann konnte sie sich endlich losreißen und betrachtete ungläubig und betäubt ihre Umgebung. Im ersten Moment wusste sie nicht wo sie sich befand. Sie war noch nie an diesem See gewesen. Der Wald auf der anderen Seite stand in Flammen und hatte große Löcher, die auch das Ufer übersäten. Das Wasser war aufgewühlt und schmutzig. Der Himmel war grau, schwarz und rot. Sie hörte keine Vögel singen, keine Blätter rascheln, nur das Prasseln der Flammen und das schnelle und laute Hämmern ihres eigenen Herzens. Sie spürte nicht das Wasser, in dem sie bis zu den Knöcheln stand, sondern nur noch Schmerz. Erschrocken und völlig verängstigt wandte sich das kleine Mädchen in die Richtung, in der sie ihr Dorf vermutete. Auch dort war der Himmel schwarz und rot. Sie ließ ihre Kleider fallen und rannte so schnell sie konnte heimwärts.
Als sie an ihrem Dorf ankam, hatte sie mehr Wunden als zuvor, denn sie war unterwegs mehrmals gestürzt. Aber das war im Moment unwichtig. Der Schrecken, welcher in ihren großen nassen Augen stand, war größer als der Schmerz, der ihren Körper zittern ließ.
Hätte sie nicht sicher gewusst, dass ihr Dorf die einzige Siedlung in der Umgebung war, so hätte sie nicht sagen können, ob diese verbrannten und schwarzen Ruinen einmal ihre Heimat gewesen waren. Es stand kein Haus mehr. Alles brannte, alles. Und sie sah auch hier die tiefen dunklen Löcher, die sie schon am See gesehen hatte. Nur waren es hier viel viel mehr. Und sie wusste sehr genau wie sie entstanden waren. Das, was nicht brannte oder nicht zu Staub zerfallen war, war schwarz verkohlt und zerbröckelte, wenn man es berührte. Und es roch fürchterlich. Es stank so ähnlich wie damals, als ein Feuer im Schafsstall ausgebrochen war, aber hier war es um ein Vielfaches intensiver. Irgendwie war sie sich sicher, dass es jetzt nicht nur verbrannte Tiere waren. Das kleine Mädchen versuchte ihr Haus zu finden. Das stellte sich aber als sehr schwierig, sogar als fast unmöglich heraus, da es nichts mehr gab, an dem man sich hätte orientieren können. Als sie es schließlich gefunden hatte, taten ihr die Füße so weh, wie noch nie zuvor in ihrem kurzen Leben, denn die Erde war noch immer so heiß, als stände sie kurz davor flüssig zu werden. Von dem Haus ihrer Familie war, wie von allen anderen Gebäuden auch, nicht viel übrig geblieben. Sie sah sich erschrocken um, irgendwie hatte sie gehofft, dass es hier nicht so schlimm wäre. Aber dann sah sie etwas, was noch viel schlimmer war und sie musste sich übergeben: Einen Fuß, der unter einem Trümmerstück hervorragte und ein paar Meter daneben einen abgerissenen Arm, der in einer roten Pfütze lag. Etwas weiter hinten glaubte sie so etwas wie einen Kopf zu sehen, doch sie schaute schnell wieder weg. Langsam und wie in Trance, aber ohne Tränen in den Augen ging sie zurück zur Dorfgrenze.
Den Blumenstrauß hatte sie auf die Trümmer ihres Hauses, ihrer Welt, gelegt. Denn Mutter liebte Blumen. Nackt wie sie war ließ sie sich in das Gras fallen, welches hier fast unwirklich unberührt war. Es schien, als würde das saftige und gesunde Grün sie auslachen. Aber das war ihr egal. Sie starrte in die schwarzen Wolken und ihr fehlte selbst zu kleinsten Bewegung die Kraft. Sie rührte sich auch nicht von der Stelle als es anfing zu regnen. Wo hätte sie denn auch hin sollen. Alles, was sie kannte, den See, das Dorf, ihr Haus und alle, die sie kannte, ihre Familie, ihre Freunde, selbst die, die sie nicht leiden, hatte sie verloren und das kleine Mädchen würde sie nie wiederfinden. Sie hatte nur noch eine einzige traurige, schuldbewusste Frage: Was hatte sie nur getan, dass sie leben musste?

Einige Wochen später kamen Leute von der Armee und Ärzte. Sie hatten von der Angriff erfahren. Dem letzten Aufbäumen besiegter Truppen, in einem Krieg den sie schon lang verloren hatten. Sie hatten auf ihrem Rückzug eine unnötige Spur von Tod und Schmerz durch das Land gezogen. Aber nun waren sie ja da, die Retter, die Helfer. Sie brachten Medizin, Essen und Hilfe. Doch es war niemand mehr da, dem sie etwas hätten geben, dem sie hätten helfen können. Sie fanden nur ein vollkommen zerstörtes Dorf vor, von dem immer noch Rauch aufstieg und einen halbverwesten und ausgedörrten Kinderkörper, der nackt an der noch unverbrannten ehemaligen Dorfgrenze im Graß lag. Und neben ihm einen Stein auf dem mit verkohltem Holz etwas geschrieben stand:
Was habe ich denn falsch gemacht? Mutter liebte doch Blumen!

Ich glaube der alte Mann, welcher mir das vor einiger Zeit erzählt hatte, war einer dieser Leute, die damals das Dorf fanden. Und ich glaube, er war nicht der Einzige, der dieses Dorf schon zum Hunderten Male gefunden hatte.

©Copyright by Ronny Hänsch