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02.12.200
Gott im Regentropfen
Nun ist es nicht mehr grell, das Licht, welches sich vor wenigen Augenblicken noch in ihre Augen zu brennen schien. Neugierig schaut das kleine Mädchen auf ihren Körper.
Langsam beginnen die Ärzte zu begreifen: Sie wird nicht zurückkehren - nun nicht mehr. Leise tritt das Kind neben die leblose Hülle ihres eigenen Lebens. Sie spürt keine Angst, fühlt sich seltsam frei.
Niemand sieht sie - alle schauen von tiefer Trauer und Entsetzen erfüllt nur auf den toten Körper. Und eine Frage schwebt im Raum, fast so erdrückend, dass man nach ihr greifen und sie zerbrechen will. ‚Warum?!’
Ein Mann tritt neben sie. Er hat keinen Schatten - wie auch sie.
„Bist du Gott?“, fragt das Kind.
„Nein,“, antwortet der vertraute Fremde, „ich bin einer seiner Boten.“.
„Aber wo ist dann Gott?“
„Wo? Gott ist in allem und alles ist in Gott! Aber in diesem Moment ist er hier - hier in diesem Raum, in diesem Augenblick.“
Erschrocken schaut sich das kleine Mädchen um. Aber sie sieht nur die Ärzte, die Leiche und den Engel. „Wer ist es? Ich sehe ihn nicht!“
„Du bist Gott!“
Wieder erschrickt das Kind: „Ich? Nein, ich glaube nicht dass ich Gott bin!“
„Nun, manche Dinge existieren auch, ohne dass man an sie glaubt. Du bist Gott! So wie ein Regentopfen das Meer ist, bist du Gott.“
Ungläubig schüttelt sich der kleine Kopf: „Aber ein Regentropfen ist doch nicht das Meer!“
„Ist er nicht? Bist du dir da wirklich so sicher?! Er scheint unwichtig, aber ohne ihn wäre das Meer nicht das, was es mit ihm ist. Er ist ein Teil das Meeres, so wichtig wie jeder andere auch. Und dadurch ist er das Meer.“
Und während die junge Seele noch versucht über diese Worte nachzudenken verändert sich alles. Die Welt verschwindet jedoch nicht, so wie sie es unbewusst erwartet hatte. Im Gegenteil, sie wird still und dennoch in aller Deutlichkeit um ein vielfaches intensiver und wirklicher. Langsam beginnt alles Licht zu werden - und ein junger Regentropfen fällt bedächtig in das Meer.
©Copyright by Ronny Hänsch