; 20.09.2004

Die Zusammenkunft

Dunkel. Wenn ich die Augen schloss war es so wunderschön dunkel.
Nicht ganz so angenehm wie in der Nacht, aber wenigstens etwas.
Mein Magen knurrte zum wiederholten Male. Trotz des aufgedrehten CD-Players konnte ich es deutlich hören.
Schon seit etwa einer Stunde versuchte ich das Hungergefühl zu ignorieren, aber langsam wurde es wirklich störend.
Also stand ich langsam auf und schaltete die Musik ab. Nun hörte ich in der plötzlichen Ruhe, wie der Regen gegen die Fensterscheiben schlug. Ich mochte den Regen, zumindest wenn ich in solch einer melancholsichen Stimmung wie in diesem Augenblick war. Also ging ich zum Fenster, öffnete es und atmete die frische feuchte Luft tief ein.
So stand ich eine Weile bis sich mein Magen wieder meldete. Der Hunger war mit der Zeit doch ziemlich stark geworden.
Ich schloss das Fenster und ging in die Küche.
Als ich den Raum betrat blieb ich erst einmal verwundert stehen. Meine gesamte Familie - meine Eltern und mein Bruder - standen regungslos am Fenster und starrten hinaus in den Regen.
Mein Bruder bemerkte mich: "Komm mal her, Schwesterchen!".
"Was ist denn?", ich mochte es nicht sonderlich so genannt zu werden und das wusste er. Eigentlich hatte ich sowieso keine allzu große Lust mich jetzt mit meiner Familie zu befassen. Ich hatte mich schon umgedreht und wollte wieder gehen, als auch mein Vater mich rief, ich solle kommen und hinausschauen. "Da draußen sitzt jemand. Kennst du ihn?" Für einen Moment dachte ich an einen Scherz. Sitzen? Da draußen? Jetzt?! Es goss in Strömen! Wer und warum sollte jetzt da draußen sitzen?! Und was heißt eigentlich "da draußen"? Abgesehen von ein paar Metern Garten vor dem Haus, gab es nur die Straße. Das gegenüberliegende Grundstück war umgeben von einer hohen Hecke und vom Küchenfenster somit nicht einsehbar.
Durch all diese Gedanken neugierig geworden ging ich nun doch zum Fenster und schaute hinaus. Das was ich sah verschlug mir für einen Moment den Atem. Dort, im strömenden Regen, hockte tatsächlich jemand auf dem Bürgersteig. Er trug einen weiten dunkelgrauen Mantel, der nun auf Grund der hockenden Haltung knapp 40cm über den Boden ausgebreitet war. Die Kapuze des Mantels war tief ins Gesicht gezogen, so dass man es kaum erkennen konnte. Das wasser rann den Mantel in Strömen herab und das Grau des Regentages lies seine Gestalt auf eine seltsame Art und Weise mit dem Hintergrund verschmelzen. Trotzallem konnte man eindeutig erkennen, dass er in ihre Richtung schaute. In die Richtung ihres Hauses, ja ich glaubte sogar seine Augen auf mir spüren zu können!
Natürlich war das unmöglich! Er konnte mich nicht sehen. Nicht bei diesem Wetter. Nicht hinter dem Fenster. Das war unmöglich! Und doch machte mir seine Erscheinung Angst. Ich konnte das Interesse der anderen gut verstehen. "Kennst du ihn?", drang die Stimme meines Vaters durch meine Gedanken. "Kennen?!", erwiderte ich schroff, "man kann ja nicht mal erkennen ob es ein Kerl ist!". Mit einiger Mühe riss ich mich von dem Anblick los, griff mir eine Rolle Kekse aus dem Regal und ging wieder in mein Zimmer. "Verrückte gibts...", murmelte ich leise. Was für ein Mensch hockt sich im strömenden Regen auf den Bürgersteig und starrt ein Haus an? "Bald wird es ihm zu kalt werden. Dann verschindet er.", sagte ich zu mir selbst. Ich versuchte mich mit diesen Worten zu beruhigen. Das war mir bewusst, aber es wollte mir nicht so recht gelingen. Also drehte ich die Musik wieder auf, legte mich aufs Bett und begann die Kekse zu essen. Doch der Anblick wollte nicht aus meinem Kopf verschwinden. Selbst wenn ich die Augen schloss sah ich ihn vor mir. Wer war er? Was wollte er?

Ich schaute meiner Tochter verwundert hinterher. Ich weiß nicht genau, wann ich das erste Mal bemerkt habe, dass wir sie verloren hatten. Wahrscheinlich viel zu spät. Wie so oft war sie auch jetzt wieder mit ein paar genervten Worten aus dem Zimmer gegangen. Es machte mich traurig, aber irgendwie hatte ich mich mittlerweile auch daran gewöhnt. Bei dem Gedanken erschrack ich und versuchte ihn zu verdrängen. Ich schaute wieder hinaus zu dem Fremden. Sein Anblick war noch genauso faszinierend und erschreckend zu gleich. "Er schaut genau hier her zu uns.", hörte ich meine Frau sagen. Und ich hörte auch wie fast unhörbar etwas Angst in ihrer Stimme war. "Ich gehe jetzt raus, und frag ihn was er will.", erwiderte ich in der Hoffnung, dass sie das beruhigen würde. Sie schaute mich etwas schockiert, aber auch dankbar an: "Willst du das wirklich tun?". "Ja.", antwortete ich und war schon auf dem weg zur Tür. Etwas langsamer als gewöhnlich zog ich mir Stiefel und meine Regenjacke an. Was wollte ich ihm eigentlich sagen? Beschäftigt mit dieser Frage trat ich aus dem Haus in den Garten, ging zügig aber ohne Hast durch den Garten, überquerte die Straße und blieb vor ihm stehen.
"Guten Tag!", grüßte ich ihn mit deutlich mehr Unsicherheit in meiner Stimme als ich wollte, "Kann ich ihnen vielleicht irgendwie helfen?". Langsam hob der Fremde seinen Kopf ein wenig um in mein Gesicht schauen zu können. Deutlich spürte ich seinen Blick auf meinem Gesicht, ich konnte jedoch von seinem nicht mehr als einen Schatten erkennen, obwohl ich nur ein paar Schritte von ihm entfernt stand. "Nein, sie können mir nicht helfen.", erwiderte er ruhig und bestimmt. "Aber es regnet! Warum hocken sie denn bei diesem Wetter hier draußen?", ich hatte nicht vor so einfach wieder zu verschwinden. "Der Weg war lang. Meine Beine sind müde.", bekam ich als ernüchternde Antwort. Ich schaute ihn zweifelnd an. "Ja, aber warum sind sie hier? Was machen sie hier?" "Ich warte.". Er sagte das mit der gleichen Betonung wie jeden anderen Satz davor, so als ob mit seinen Worten alles gesagt und das Gespräch beendet wäre. Er verunsicherte mich. Und ich konnte deutlich spüren, das er es bemerkte, obwohl ich es zu unterdrücken versuchte. Aber darauf durfte ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Damit konnte ich mich nicht zufrieden geben: "Aber worauf warten sie hier? Es regnet in Strömen und es ist kalt. Sie werden noch krank werden.". "Ich warte auf sie, auf sie, die ein Teil von mir ist. Vielleicht aber bin ich auch ein Teil von ihr." Diese Worte schockierten mich mehr noch als seine graue verschwommene Gestalt. Er war nicht einfach nur hier, nicht zufällig. Es hatte einen Grund für ihn. Aber noch etwas anderes an seinen Worten machte mir Angst. Sie ergaben keinen Sinn für mich. Sie klangen eigentlich ziemlich verrückt. Seine Wortwahl war mehr als ungewöhnlich. Ich beschloss diesen Gedanken fürs erste nicht weiterzuverfolgen: "Und wer ist diese 'Sie'? Sie warten hier schon sehr lange. Weiß sie denn, dass sie hier sind?". Es war mir als würde ein Ruck durch seinen Körper gehen. Aber ich konnte nicht sagen ob ich mich täuschte oder es wirklich so war. Durch den beständigen Fluss des Wassers über seinen Mantel schien seine Oberfläche in unentwegter Bewegung zu sein. Aber auch sein Blick schien auf einmal durchdringender zu sein als bisher. Als er nach etwa zwei Minuten noch immer nicht geantwortet hatte, war ich bereits kurz davor aufzugeben und gehen zu wollen. Doch auf einmal erhob er sich plötzlich und unerwartet in einer einzigen fließenden Bewegung. Nun schaute ich direkt in sein Gesicht. "Wer sie ist? Ich weiß es nicht! Und sie haben es schon vor langer Zeit vergessen. Sie weiß nicht, dass ich komme, noch weiß sie wer ich bin. Und doch wartet sie auf mich, so wie ich auf sie warte. Es spielt keine Rolle wie lange ich warte. Alles was wichtig ist, ist die Tatsache dass ich hier bin. Sie können nichts für mich tun. Genausowenig wie sie etwas für sie tun können. Und alles was ich tun kann ist warten. Und genau das ist es, was ich tun werde." Und bei diesen Worten sank seine Gestalt wieder zu Boden und hielt in der gleichen Postition inne wie schon vor ein paar Minuten. Ich konnte nichts sagen. Ich war einfach unfähig dazu. Jedes seiner Worte war an mich gerichtet. Und zwar direkt an mich persönlich. Nicht an irgendeinen Menschen, der zufällig zu ihm kam und ihn ansprach, sondern direkt an meine Person. Das wusste ich. Das hatte ich bei jedem seiner Worte gespürt. Und jedes seiner Worte traf tief in meinem Inneren eine Stelle an die ich mich schon lange nicht mehr erinneren wollte. Immer noch unfähig etwas zu erwidern drehte ich mich um und ging mit Tränen in den Augen zum Haus zurück.

Der Regen strömte immer noch und umgab das Haus gegenüber mit einer Aura nassen Graus. Die Blätter der Blumen bewegten sich vom Regen gebeugt. Doch auf einmal war da noch eine Bewegung. Die Tür an der Seite des Hauses hatte sich geöffnet und es erschien eine Farbe, die so gar nicht in das Grau des Vormittages passte. Langsam und zögernd bewegte sich der rote Regenschirm auf mich zu. Er hatte das Gartentor bereits erreicht, hielt vor der Straße kurz inne und überquerte sie dann zögernd. Kurz vor mir blieb er stehen. Bisher hatte ich mich nicht bewegt. Auf dem Weg hierer hatte der Regenschirm das Gesicht meines neuen Besuchers verdeckt, und nun stand er zu nah um es aus meinem Blickwinkel zu sehen. Aber der Statur nach zuurteilen war es ein Mädchen oder eine Frau. Ich hob meinen Kopf ein wenig um in ihr Gesicht blicken zu können. Mein Blick glitt über ihre blaue verwaschene Jeans, ihren schwarzen, eine Nummer zu großen Pullover und verharrte auf ihrem Gesicht. Ein Blick in ihre Augen machte mir klar warum sie hier war. "Entschuldige.", sagte ich leise aber deutlich hörbar. "Wofür entschuldigst du dich? Ich bin nur gekommen um zu fragen wer du bist und was du hier willst!" Ich spürte ihre Unsicherheit, und doch sprach sie, anders als ihr Vater gestern, mit fester Stimme. Ich lächelte. Das erste mal seit Tagen lächelte ich, und das erste mal seit Jahren war es ein ehrliches, aus tiefster Seele kommendes Lächeln.
Langsam erhob ich mich und schaute ihr direkt in die Augen. "Ich entschuldige mich dafür, dass du so lange warten musstest. Und wer ich bin - nun, ich denke das weißt du bereits, nicht wahr?" Sie schaute mich an. Ich sah, wie sich ihre Augen langsam mit Tränen füllten und wie sie dagegen ankämpfte. "Ja, ich weiß es!", sagte sie mit leiser zitternder Stimme, "Und ich habe schon so lange auf dich gewartet.". Sie brach in Tränen aus und ich nahm sie in die Arme. Als sie aufgehört hatte zu weinen setzten wir uns an den Ort, an dem ich die letzten Stunden ausgeharrt und auf sie gewartet hatte und begannen zu reden. Nach etwa drei Stunden hörte der Regen auf und wir sprachen immer noch. Ich erzählte ihr von meinem Leben und beantwortete ihr all ihre Fragen. Selbst auf Probleme, die sie schon seit Jahren beschäftigten kannte ich eine Antwort. Und sie tat das Gleiche für mich. Ich erfuhr alles über sie. Selbst Dinge, über die sie noch nie mit einem anderen Menschen gesprochen hatte, erzählte sie mir. Und sie gab mir Antworten nach denen ich schon sehr lange suchte.

Als es abend wurde sahen wir den Vater. Er kam anscheinend von der Arbeit heim und stand nun in der Auffahrt und starrte ungläubig zu uns herrüber. Er war nur eine Straßenbreite von uns entfernt und doch erschien er soweit weg. Wir konnten deutlich die Angst in seinem Gesicht sehen. Nach einer Weile löste er sich aus seiner Erstarrung und ging langsam mit hängenden Schultern ins Haus. Als die Nacht völlig hereingebrochen war verabschiedeten wir uns voneinander. Nun waren wir nicht mehr allein. Eir gingen zurück ins Haus, und wir gingen die Straße hinab. Wir sahen uns jeden morgen im Spiegel, und wir sprachen jede Nacht miteinander und tauschten unsere Gedanken aus.

©Copyright by Ronny Hänsch