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02.04.2002
Der Sonne Glanz auf kaltem Stahl
Die Sonne scheint.
Komisch, dass mir das gerade jetzt auffällt. Eigentlich scheint sie immer.
Wenn Wolken am Horizont sind, so scheint die Sonne über den Wolken. Wenn es Nacht ist, so scheint die Sonne auf der anderen Seite der Erde. Auch bei einer Sonnenfinsternis scheint die Sonne, wenn auch nur hinter dem Mond. Selbst für einen Blinden scheint die Sonne vor der Dunkelheit seiner Augen.
Eigentlich scheint die Sonne immer. Warum fällt es mir nur gerade jetzt auf, gerade jetzt? Jetzt wo ich endlich den Mut gefunden habe Angst zu zeigen, feige zu sein. Warum gerade jetzt?
Gestern hätte es noch etwas geändert, vor ein paar Stunden wäre durch diese Gedanken alles anders gewesen. Aber jetzt? Die Sonne scheint, trotzdem bleibt alles kalt. Sie hat keine Kraft mehr.
Keine Blätter an den Bäumen, kein Vogelgezwitscher, keine Wolken am Himmel.
Doch auch kein Schnee auf den Gleisen. Das ist vielleicht das Schlimmste.
Leise beginnen sie zu erbeben. Ich spüre es mehr, als dass ich es höre. Ihr Zittern vermischt sich mit dem meinem. Ob auch sie Angst haben? Ob ihnen auch kalt ist?
Ich weiß es nicht und eigentlich ist es auch nicht wichtig. Es spielt - wie die Sonne - einfach keine Rolle mehr.
Ihr Zittern wird stärker, langsam geh ich in die Knie. Meine Hand klammert sich an das Eisen. Ich hasse sie dafür, warum sucht sie immer nach einem Halt? Sie muss doch wissen, dass da nichts ist.
Der eiskalte Stahl beißt sich in mein Fleisch. Beinahe erwarte ich, dass die Wunden zu bluten beginnen, aber da ist nichts. Wie auch? Blut bedeutet Leben, wie kann da Stein bluten?!
Doch durch die Berührung spüre ich die Erschütterungen umso deutlicher. Sie werden stärker, spürbar stärker. Das Zittern wächst, es grenzt schon fast an Panik.
Ich bin ganz ruhig, warum zittert ihr? Was für einen Grund habt ihr Angst zu haben? Antwortet mir!
Plötzlich höre ich einen Schrei, einen unglaublich lauten und anhaltenden Schrei. Er erzählt von Furcht, von Schmerz, von Schuld und Machtlosigkeit. Fast scheint der Stahl zu brechen, es muss ihn unglaubliche Kraft kosten diesen Schrei auszustoßen.
Ich bewundere ihn für einen Augenblick, dann kommt Neid hinzu. Ich hatte nie die Kraft zu schreien, zumindest nicht zu Schreien, die andere hören sollten.
Und dann begreife ich. Sie haben Angst, Angst vor mir. Ich bin der Grund ihrer Schmerzen, ihrer Furcht!
Erschrocken und fast gelähmt schüttle ich den Kopf und bemerke wie sich meine Hand vom Stahl löst und ich mich langsam erhebe. Für einen Augenblick schaue ich noch hinunter zu den Gleisen, sie schreien noch immer, dann drehe ich mich bedächtig um, verlasse die Schienen Richtung Waldrand.
Wind kommt auf. Starker Wind, kaum das ich die Gleise hinter mir habe. Der Schrei wandelt sich zu einem erleichterten Stöhnen, zu einem Rauschen, welches sich immer mehr entfernt.
Ich drehe mich nicht um. Dieser Ort liegt hinter mir, für immer. Ich weiß, dass er da ist, und ich bin froh darüber, aber ich werde ihn nie wieder sehen.
‚Alles ist eins’, denk ich noch. Es spielt keine Rolle, ob man die Sonne sieht, sie ist immer da. Und eines sollte man nie vergessen: Auch die Sonne selbst, kann sich nicht sehen!
©Copyright by Ronny Hänsch