; 07.05.04

Der Mond

Und wieder fällt die Nacht still auf die Dächer der Stadt. Hell und leicht verschwommen schimmert der Mond durch die dünnen Wolken. An den meisten Stellen des dunklen Himmels sind sie nicht einmal stark genug um das Licht der Sterne zu verdecken.
"Eine schöne Nacht!", denke ich und schaue fragend den Mond an. Schweigend schaut er zurück. Wenn er doch nur etwas sagen würde. Nur ein Wort. Nur ein einziges Mal. Ein einfaches "Ja" oder auch ein "Nein".
Doch er schweigt. Ich glaube, ich stelle nicht die richtigen Fragen.
Als ich merke wie die Traurigkeit durch diese Gedanken in mir aufsteigt wende ich mich ab. Lenke meine Blicke auf die Häuser. Ihre Fenster sind dunkel. Nur bei einigen wenigen erkennt man nach ein paar momenten das schwache bläulich-weiße Flackern eines Fernsehers im dunklen Raum. "Fernesehen um diese Zeit?!", flüstere ich. Hinter jeden dieser Fenster liegt ein Zimmer, ein Wohnung, mindestens ein Leben. Meistens mehr als eins. Vater, Mutter, Kind, manchmal zwei, manchmal noch mehr, oft sicher auch ein altes Ehepaar - kinderlos - oder einer allein. Alle schlafen, alle träumen.
Nur ich bin wach und schaue auf ihre Fenster, ihre Leben. Der Gedanke zwingt mir ein kleines Lächeln auf. Nur ein wenig, nur nicht zu stark, um diese Illusion des Wachens über die Welt nicht zu zerstören.
Und dann schaue ich wieder zum Mond. Jetzt verstehe ich sein Schweigen. Er kann nicht reden, allein wie er ist.
Das ich hier bin und auf ihn warte weiß er nicht. Genauso wenig wie ich weiß, ob nicht hinter einem dieser Fenster jemand steht und auf ein Zeichen von mir wartet.
Wie gewaltig muss die illusion sein, die der Mond sich schafft um seine absolute Einsamkeit im leeren Raum ertragen zu können? Ob er tatsächlich meint, niemand würde Notiz von ihm nehmen?

©Copyright by Ronny Hänsch