; 22.08.2002

Der Irrtum

Sie glaubt tatsächlich, ich würde schlafen. Sie glaubt es wirklich! Ich bin immer noch gut darin mich zu verstellen. Und ich habe immer noch das Problem, dass es mir schwer fällt mich nicht durch ein Lachen zu verraten.
Doch ein wenig unfair ist es schon. Sie ist gerade mal 5jahre alt und kennt mich nur als alten Mann, welcher eigentlich immer müde ist. Ja, dass bin ich wohl auch: Alt und müde. Mit dem Alter habe ich keine Schwierigkeiten, doch die Müdigkeit missfällt mir.
Aber ungeachtet der Tatsache, dass es für einen fast 88 alten Mann nicht besonders schwer ist sich seiner fünfjährigen Enkelin gegenüber schlafend zu stellen, macht es mir dennoch Spaß sie ein wenig zu necken.
Sie denkt ich schlafe, fühlt sich unbeobachtet. Und durch das Gefühl den wachenden Augen der Erwachsenen für einen Moment entronnen zu sein, versucht sie fast schon hektisch die Keksdose im Regal zu erreichen. Sie ist zu klein. Noch. Sie wird wachsen und älter werden.
Aber ich befürchte, solang kann ich mich nicht schlafend stellen.
Nun muss ich doch etwas lachen. Erschrocken schaut sie mich an. Sichtlich verunsichert. Ich habe die Augen nur einen Spalt geöffnet, gerade so viel, dass ich ihr Gesicht erkenne. Es kann ihr nicht auffallen, dass sie nicht völlig geschlossen sind. Ein faltiges Gesicht hat manchmal auch seine Vorteile.
Vorsichtig kommt sie näher. Wahrscheinlich will sie nachschauen, ob ich wirklich schlafe. Sie kommt näher und näher, noch einen Meter, noch einen halben, noch einen Schritt und noch einen....
„Buh!“, rufe ich halblaut und deute eine plötzliche Bewegung in ihre Richtung an. Sie zuckt zusammen und schaut mich erschrocken an. Ich beginne zu lachen und nach ein paar Augenblicken ungläubigen staunen fällt sie mit ein.
„So leicht lässt sich dein Großvater nicht hinters Licht führen, meine Kleine!“, sage ich freundlich lächelnd in ihr immer noch sehr verdutzt aussehendes Gesichtchen und stehe langsam auf um zu dem Regal zu gehen.
„Du... Du hast gar nicht geschlafen?!“ „Geschlafen? Nein, wie kommst du darauf?“, frage ich lauernd zurück. „Na weil du dich nicht mehr bewegt hast!“ Ich halte einen Moment inne und überlege mir ihre Worte.
Ich habe Kinder immer um ihre naive Art der Argumentation bewundert. Es fällt mir schwer mich an die Zeit zu erinnern, in der ich noch dazu in der Lage war. „Nicht alles, was sich nicht bewegt schläft auch, oder ist gar tot.“, sage ich leise ohne sie anzusehen und greife in die Keksdose um ein Plätzchen mit Schokoladenüberzug herauszunehmen. Die mag sie am liebsten. „Wie meinst du das, Großvater?“
Ich hatte mich lange Zeit gefragt, was sie an mir so sehr fasziniert, dass sie mich besucht, wann immer sie Zeit dafür findet. Irgendwann habe ich meinen Sohn, danach gefragt, welcher daraufhin die Frage seiner Tochter stellte. ‚Bei ihm ist alles so alt und irgendwie... groß. Und ich bin doch noch so klein. Aber wenn ich bei ihm bin, dann merke ich immer wie ich wachse.‘, war ihre Antwort. Kann es denn einen größeren Sinn im Leben geben, als dass ein gelebtes Leben der Nährboden ist, für ein neues Leben?
Ich drehe mich bedeutungsvoll zu ihr um und reiche ihr den schon sehnlichst erwarteten Keks. „Danke!“. Sie ist ein braves Kind.
„Nun, manchmal haben die Dinge einfach keinen Grund sich zu bewegen. Es gefällt ihnen, so wie alles ist. Und wenn sie sich bewegen würden, dann würden sie alles verändern, und dann, würde es ihnen vielleicht nicht mehr gefallen. Kannst du das verstehen?“
„Ja“, sagte sie unsicher und schüttelte den Kopf. Unwillkürlich musste ich über diese etwas eigenwillige Kombination lächeln. „Dann werde ich versuchen es dir zu erklären.“, sagte ich mit einem bewusstgewähltem, sehr ernsthaften Unterton. Und ließ mich wieder in meinen Sessel fallen.
„Wo würdest du jetzt gern sein?“ „Jetzt?!“, erwiderte sie sichtlich verwirrt von dem scheinbaren Themawechsel. „Ja, genau jetzt, in diesem Augenblick. Wenn du die freie Wahl hättest. Jeder Ort der Welt und darüber hinaus im Bereich deiner Möglichkeiten läge, welches Land, welche Stadt, welche Gegend würdest du wählen?“
„Disneyland!!“, sagte sie mit einem Leuchten in den Augen, zu dem nur Kinder und Liebende fähig sind. „Disneyland.“, ich nickte zustimmend, „ Ja, das ist eine gute Wahl! Und warum möchtest du dorthin?“
„Na, weil da Micky Maus ist und Donald und Pluto und man dort ganz viel Spaß haben kann.“
„Spaß,“, wiederholte ich, „dass ist ein sehr guter Grund. Du möchtest also jetzt nach Disneyland, weil du meinst, dass du dort glücklich wärst?“ „Ja.“ „Aber bist du denn jetzt unglücklich?“ Erschrocken schaute sie mich an: „Nein! Ich bin doch gern bei dir!“ „Also bist du jetzt nicht unglücklich?“ Energisch schüttelt sie ihren Kopf. „Aber wenn du jetzt nicht unglücklich bist, dann bedeutet das doch, dass du glücklich bist, oder?“ „Ja, ich glaube schon“ Ihre Verwirrung stieg zusehends. „Aber wenn du doch jetzt glücklich bist, warum möchtest du diesen Moment dann verändern? Warum möchtest du das eine Glück gegen das andere eintauschen?“ Ich schaute sie eine kleine Weile fragend an - und sie blickte ebenso fragend zurück. Ich wusste, dass ich keine Antwort bekommen würde, aber ich wollte ihr etwas Zeit geben über das Gehörte nachzudenken. „Kann es sein, dass du jetzt lieber in Disneyland wärst, weil du meinst, dass das Glück dort größer ist, als das Glück, welches du jetzt empfindest?“ sie nickte vorsichtig.
Ich nickte auch. „Ja, das habe ich früher auch immer gedacht. Vielleicht muss man erst so alt werden wie ich, um zu erkennen, dass es kein großes oder kleines Glück gibt. Entweder du bist glücklich oder du bist es nicht. Wenn du eine Weile in Disneyland gewesen wärst, Mickey Maus und Donald und Pluto getroffen hättest, und Achterbahn und Karussell gefahren wärst, so würdest du dich wieder nach einem anderen Ort sehnen. Und wenn du dort eine Weile wärst, würdest du wieder denken, dass du woanders glücklicher wärst und so weiter und so fort. Du bist noch sehr klein und jung. Du wirst wahrscheinlich noch viele solcher Orte aufsuchen müssen, um dass zu erkennen.
Aber weißt du, viele andere Dinge, sind schon sehr, sehr alt. Sie wissen das alles bereits und deswegen bewegen sie sich nicht. Sie fragen sich einfach, ob sie glücklich sind. Und solange sie diese Frage nicht mit ‚Nein!’ beantworten, werden sie nichts verändern.“

©Copyright by Ronny Hänsch