; 20.04.2002

Dank an den Zuschauer

Vier Menschen. Im Tod vereint. Im Tod des Einen.

Die andren drei leben - denken sie. Leben sie? Wer kann es sagen, wenn nicht der Tote, welcher beide Seiten kennt?

Der Erste, der Nächste, benetzt die kalte Haut mit heißen Tränen. Hält Trauer. Um ein Stück totes Fleisch wohl sicher nicht. Mehr um die Erinnerungen, die daran hängen.

Den Zweiten bindet die Bekanntschaft mit dem Ersten. Bekannt ist er auch mit dem Toten. Doch falsch: Er ist nicht, er war es! Doch diese Bekanntschaft hat wohl dessen Tod nichtig gemacht. Höflichkeit bringt man den Lebenden entgegen. Den Toten? Das ist Sache anderer, Sache von Priestern und Totengräbern. Die werden dafür bezahlt.

Der Dritte ist nur vom Augenblick gefangen. Einzig seine Hand ausgestreckt um ein Stück des seltenen Moments zu greifen. Er steht abseits mit Geist und Körper. Morbides Interesse an dem was ihn selbst erwartet - irgendwann.

Und der Tote? Schwebt über seinem Körper. Sieht den Trauernden und sieht den Heuchelnden und sieht den Schauenden.

Am liebsten ist ihm wohl letzterer.

Die Trauer des Ersten wird vergehen. Entweder er verdrängt sie, um weiterhin die Welt sehen zu wollen oder er vergisst sie einfach - irgendwie. Hat er den Mut sie länger zu tragen in seinem Denken, in seinem Herzen und - was schlimmer ist - in seinem Handeln, so findet sich mit Sicherheit eine gute Therapie für ihn. Es lässt sich doch heutzutage alles therapieren, was nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht. Wozu ist man eine Zivilisation des Fortschritts?!

Der Zweite hat den Toten schon vergessen. Eigentlich war er für ihn schon tot, bevor er wirklich gestorben war. Es wird keine fünf Minuten des Alleinseins brauchen, um den Ersten für seine Trauer, seinen Schmerz für krank zu erklären, für ein wenig verrückt und sich nach einem guten Psychotherapeuten umzuschauen - ein Freundschaftsdienst!

Der Dritte jedoch... Für ihn war die Begegnung mit dem Tod ein Erlebnis, von dem es zu erzählen lohnt. Es macht ihn interessant, stellt ihn für die Momente des Berichtens - hier ein wenig mehr, da etwas weniger - in den Mittelpunkt. Das Gedenken an den Namen - nicht an mehr - wird von ihm wohl am besten aufrecht erhalten werden, denn er allein hat daran ein persönliches und was fast wichtiger erscheint, von der Gesellschaft akzeptiertes, ja gewünschtes Interesse.

Man muss wohl tot sein um dem Gaffer danken zu können - und zu dürfen.

©Copyright by Ronny Hänsch