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27.02.2004
Am See
Kalt. Es ist kalt an diesem Ort. Der Atem gefriert vor dem Gesicht zu kleinen Wölkchen, die sich gen himmelsteigend verflüchtigen. Aber kein Zittern erfasst meinen Körper.
Ich schaue zu dir hinüber. Auch du stehst nur ruhig atmend da und scheinst die Kälte nicht zu spüren.
Du hast dich verändert. Auch äußerlich. Es macht mir immer mehr Mühe etwas Vertrautes in deinem Gesicht wiederzufinden. Ich lächle leise. Wie sehr doch manchmal die Oberfläche ein Symbol für das Innerste sein kann.
Das Eis auf dem See schimmert grau in der Dämmerung. Irgendwo weiter hinten verschwimmt es mit dem Grau der Welt, schwindet ins Unbekannte. Du seufzt kaum hörbar.
Dann sagst du leise: "Irgendwie ist dieser See wie mein Leben." Ich schaue hinaus auf das Eis. Fast unhörbar, als würdest du zu dir selbst sprechen, fährst du fort: "Grau in Grau liegt er da. Scheinbar friedlich, aber niemand weiß, was unter der Oberfläche geschieht. Wenn ich vorsichtig bin, kann ich darauf gehen, kann über das Eis wandern. An manchen Stellen ist es so dick, dass ich leicht jemanden darüber tragen könnte. An andren Orten ist es so dünn, dass es nicht einmal mich allein tragen kann und ich erbarmungslos einbräche, würde ich darüber gehen. Und die Kinder dort am Rand, sie würden wie einige meiner Freunde Hilfe holen, oder mir sogar selbst zu Hilfe eilen. Und ich würde spüren, wie ich sie brauche, und hätte gleichzeitig Angst um sie, dass ich sie nicht auch noch in das eiskalte Wasser ziehe. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, diese Stellen zu meiden und werde immer sicherer, breche immer seltener ein."
Ich denke schweigend über deine Worte nach. Dann sage ich vorsichtig, ohne dich anzuschauen: "Ja, dieser See ist wie Dein Leben. Und ich sitze hier am sicheren Ufer. Beobachte Dich, versuche Deinen Schritten zu folgen. Und bin jedes Mal erleichtert, wenn Du trocken und unversehrt aus der Dämmerung, die den größten Teil des Sees bedeckt, auftauchst. Und manchmal schaust Du zu mir hinüber und winkst mir zu. Und ich freue mich und winke zurück. Aber die meiste Zeit siehst Du mich nicht, weißt nicht das ich da bin, dass ich hier am Ufer sitze, mein eignes Leben lebe und dennoch immer wieder auf Deinen See schaue und hoffe Dich zu sehen, immer bereit hinaus auf das Eis zu laufen, solltest Du mich einmal rufen. Die meiste Zeit aber siehst Du mich nicht. Und ich sehe Dich nicht. Und trotzdem bin ich irgendwie immer da."
Einige Augenblicke stehen wir beide schweigend nebeneinander. Dann gehst du langsam. Ich glaube, du hättest gern genickt, wenn du mir nur glauben könntest.
©Copyright by Ronny Hänsch