Der Kurfürstendamm
Am Abend gehe ich über den Berliner Kurfürstendamm.
Ich drücke mich an die Mauern wie ein Hund. Ich bin einsam, aber ich habe das
sichere Gefühl, von der Vorsehung geführt zu werden. Manchmal muss ich ein
Gitter sachte umschreiten, hinter dem sich ein Garten befindet. Man darf ihn
nicht betreten. Ich beneide die Straßenbahnen, die flott und frisch über grüne
Rasen in der Mitte der Fahrbahn dahingleiten dürfen. Eigens für sie hat man
die Rasen angelegt, als wären sie Tiere, aus der saftigen, grünen Natur nach
Berlin gebracht, und als müsste man ihnen, ähnlich wie den Tieren im
Zoologischen Garten, ein kümmerliches Bisschen von ihrem Milieu vortäuschen.
Manchmal befindet sich hinter dem Gitter allerdings kein Rasenbeet, sondern ein
Kiesbeet. Von Ziegeln eingefasst, in flacher Erhabenheit, trägt es lauter
kleine Steinchen, bei deren Anblick es zwischen den Zähnen knistert. Ich wüsste
gerne, wer diese steinerne Flora erfunden hat und ob man die Kieselsteine täglich
begießt, damit sie nicht verdorren. Über den Asphalt, parallel mit den Straßenbahnschienen
im Rasen, rattern die Autobusse und die Automobile, um Verkehrsstockungen zu
verursachen. Oft gelingt es ihnen erst mit Hilfe der Verkehrsampeln, die
automatisch rot, gelb und grün aufleuchten, ohne ersichtliche Ursache. Sie hängen
an Drähten in der Luft, überall, wo durch Querstraßen eine Kreuzung
entstanden ist. Augen, die leuchten, aber blind sind. Wenn sie böse sind,
werden sie rot, und wenn ihr Zorn verraucht, werden sie grün. Wenn sie rot
sind, müssen die Gefährte stehen bleiben. Manchmal gelingt es den
Verkehrsampeln, zur richtigen Zeit rot zu werden, das heißt: wenn aus den
Querstraßen ein paar Lastautomobile kommen. Meist aber werden sie schon zornig,
wenn auch nur ein Radfahrer aus einer Querstraße kommt oder ein Mann mit einem
Karren. Selbst die Schutzleute, die doch ohne Zweifel das Gesetz vertreten, sind
ohnmächtig gegenüber den Ampeln in der Höhe, den wirklichen Augen des
Gesetzes, mit denen verglichen die Augen der Polizisten nur eine Metapher sind.
Manchmal unterbrechen die Reihe der Wohnhäuser Kaffeehäuser, Kinos und
Theater. Sie sind es eigentlich, denen der Kurfürstendamm seine Bedeutung als
Verkehrsader zu verdanken hat. Gott weiß, was er ohne sie wäre! Deshalb sind
sie unaufhörlich bemüht, seine Größe zu heben. Da sie seine Ansprüche auf
internationale Bedeutung kennen, streben sie nach Internationalität. Ein
Gasthaus wird amerikanisch, ein Kaffeehaus französisch. Zwar sieht es niemals
so aus wie in New York oder Paris. Aber es weckt Reminiszenzen an dieses oder
jenes. In ihrer Bescheidenheit halten sie sich nur für gelungene Imitationen,
aber sie sind in Wirklichkeit misslungene Originale. Im amerikanischen
Restaurant sind die Speisekarten englisch. Wahrscheinlich ist die Muttersprache
der Gäste sozusagen Deutsch, aber ihre Umgangssprache wechselt je nach Laune
und Vergnügungsort.
Es kommt ihnen nicht darauf an, sie verstehen auch Englisch. Im französischen
Kaffeehaus sitzen sie draußen, auf der „Terrasse“, frieren und fühlen sich
pariserisch. Ja, sie sind noch mehr als pariserisch, weil sie es in Berlin sind.
Offenbar infolge einer baupolizeilichen Verfügung müssen die Terrassen eingezäunt
sein und deutlich von der Straße abgegrenzt. Nun unterscheidet sie gerade diese
Abgeschlossenheit von Pariser Terrassen. Aber es kommt auf die Ähnlichkeiten
an, nicht auf die Unterschiede. Auf manchen Terrassen leuchtet ein violettes
Licht, das an Totenkammern erinnert. Trotzdem lacht man bei dieser Beleuchtung.
Aus dem Zusammenstoß der Leute, die von den Terrassen kommen, mit den andern,
die zu den Terrassen gehen, ergibt sich dann das Leben und Treiben der Fußgänger.
Wenn sie die Straße überqueren wollen, begeben sie sich zu einer Kreuzung.
Haben sie Glück, sind die Ampeln gerade grün, und sie gelangen ungehindert auf
die andere Seite, wo ebenfalls Terrassen lagern.
An den Rändern der Bürgersteige stehen Bäume und vor den Gittern Zeitungshändler.
Die Nachrichten sind schauderhaft. Die Zeitungen sind schneller als die Zeit,
nicht einmal das Tempo, das sie selbst erfunden haben, kann ihnen nachkommen.
Atemlos rennt der Nachmittag dem Spätabendblatt nach und der Abend dem
Morgenblatt vom Morgen. Die Mitternacht sieht sich bereits mit Schrecken vom
morgigen Nachmittag überholt und hofft inbrünstig auf einen Streik der Setzer,
um sich einmal in Ruhe wie eine Mitternacht betragen zu dürfen.
Auf diese Weise erstreckt sich der Kurfürstendamm rastlos Tag und Nacht. Auch
wird er renoviert. Man muss diese zwei konkreten Eigenschaften deutlich
hervorheben, weil er von Stunde zu Stunde sozusagen Moleküle seiner Körperlichkeit
an seinen kulturhistorischen Charakter abgibt. Obwohl er nicht aufhört, eine
„wichtige Verkehrsader“ zu sein, ist es doch, als wäre es nicht sein Ziel,
zu einem Ziel zu führen, sondern so lang er sich auch erstrecken mag, ein Ziel
zu sein. Befände sich dort, wo er aufhört, nicht eine andere Straße, er wäre
imstande, sich noch weiter zu erstrecken. Ohnedies sind seine Dimensionen
schrecklich genug. Seine furchtbare Fähigkeit, sich unaufhörlich zu erneuern,
zu „renovieren“ also, widerspricht allen natürlichen Gesetzen von Jung-Sein
und Alt-Werden. Seit langem bemühe ich mich, das Geheimnis zu erraten, das ihn
befähigt, trotz jedem jähen Wechsel seiner Physiognomie doch noch erkennbar zu
bleiben, ja sogar immer mehr Kurfürstendamm zu werden. Unwandelbar ist seine
Wandelbarkeit. Langmütig ist seine Ungeduld. Beharrlich seine Unbeständigkeit.
Eine launenhafte Laune der Schöpfung könnte man sagen, wäre die Annahme
gestattet, dass sie ihn gewollt hat ...
Joseph Roth