Stiefel
Ähnlich der sagendunklen Historie von den roten Schuhen, die ihre Trägerin zu unaufhörlichen Tanz zwangen, ereignete sich ein Fall in unserer Epoche: diesmal der eines jungen Mannes, den genagelte Stiefel zu unentwegtem Marschieren veranlassten. Tauchte stampfend einmal an der Schelde auf, einmal am Tiber, einmal an der Weichsel, an der Moldau, und sogar in den wolgadurchfluteten Steppen wurde er gesichtet. Und hätte niemand gestört, wäre er nicht unterwegs anderen Leuten auf die Zehen getreten, schlimmer: auf die Köpfe, die Schädel, dass sie unter dem Nageltritt barsten.
Endlich eingefangen und der Stiefel entkleidet, berief sich der fußfertige junge Mann auf den erwähnten Präzedenzfall: an allen Vorkommnissen, zutiefst bedauerlichen selbstverständlich, sie die Fußbekleidung schuld - nicht er. Er sei bereit, sich von seinen Stiefeln zu distanzieren. Er verurteile beide Sohlen aufs schärfste und lehne künftig jeden Schaft entschieden ab. > > Nieder mit den bösen Ösen! < <, zum Schluss und zur allgemeinen Zufriedenheit ausgerufen, um unter großer Rührung freien Abgang zu erhalten, den er jedoch nicht antrat. Statt dessen wies er auf seine nackten Zehen hin; barfuss könne er nicht davon. Aber weil er jetzt genau die Gefahr der Stiefel kenne, möge man sie ihm ruhig anvertrauen: jeden Gleichschrittsversuch, jeder Stechschrittsabsicht ihrerseits werde er mit seiner ganzen Beinkraft Widerstand leisten!
Voller Verständnis und Einsicht in die Notwendigkeit, ihm ein Fortkommen nur gestiefelt ermöglichen zu können, ließ man den jungen Mann in die Lederhülsen schlüpfen, ihn sich abrupt umkehren und abziehen.
Später: nahe dem Dorf auf der Landstraße ein zertretenes Kind, von dem bis heute rätselhaft geblieben, wie es wohl umgekommen, obwohl neuerdings vermutet wird, dass es vielleicht einen weiteren den eigenen Stiefeln hilflos ausgelieferten Wanderer gibt.
Günter Kunert